Wirtschaft : Cinemaxx: Expansion in Europa

tel/hps

Als vor zehn Jahren die ersten Multiplexe in Hannover und Hürth bei Köln entstanden, hatte niemand eine goldene Zukunft für die Kinowirtschaft prognostiziert. Tatsächlich folgten Jahre des schnellen Wachstums. Doch die goldene Jahre sind vorüber. Nun konsolidiert sich der deutsche Kinomarkt. Einer Umfrage des Handelsblatts zufolge ist zwischen Flensburg und Konstanz kaum noch Platz für neue Multiplexkinos. Auch wenn die großen Unternehmen der Branche Cinemaxx/Ufa-Gruppe, die Paramount/Universal-Tochter UCI, Kieft & Kieft Filmtheater (Cinestar-Gruppe) noch einzelne Multiplexe an verschiedenen Standorten planen, ist ihnen Deutschland doch längst zu klein. Mit Hochdruck treiben die Branchenführer die Expansion in Europa vorwärts.

Allen voran will die deutsche Nummer Eins, die Cinemaxx AG mit ihrer operativen Tochter H.J. Flebbe Filmtheater GmbH neue Märkte erobern. Als weißer Fleck entpuppt sich für das ehrgeizige Unternehmen aus Hamburg mit 300 Millionen Mark Jahresumsatz (1999) insbesondere Nordeuropa. Erst vor wenigen Wochen wurde der größte Kinokomplex in Kopenhagen mit zehn Sälen und 3200 Besucherplätzen eröffnet. Zwei weitere Multiplexe in Dänemark sind geplant. Auch für andere skandinavische Länder gibt es konkrete Verhandlungen. Obwohl Cinemaxx noch eine Reihe weiterer Multiplexe wie zum Beispiel in Hannover, Wolfsburg, Hamburg, Stuttgart, Dresden und Heilbronn eröffnet, wollen die Hanseaten vor allem außerhalb Deutschlands wachsen.

Nachdem bereits vor zwei Jahren ein erstes Multiplex in der türkischen Hauptstadt Ankara entstand und in diesem Jahr ein weiteres Projekt im schweizerischen Luzern seine Pforten öffnete, sind weitere Großkinos in Ungarn, Polen und in der Türkei in Bau bzw. eröffnet. Cinemaxx will unter der Führung des 49-jährigen Vorstands und Hauptgesellschafters Hans-Joachim Flebbe zu einem europäischen Kinokonzern aufsteigen.

Daneben stieg fast unbemerkt Kieft & Kieft Filmtheater mit der Marke Cinestar zum zweitgrößten Kinobetreiber in der Bundesrepublik auf. Die Lübecker betreiben derzeit 57 Häuser mit 349 Leinwänden. Das Unternehmen setzt mit Erfolg auf kleine und mittlere Städte Die Geschäftsführer Marlis und Heiner Kieft der bereits 1948 gegründete Firma nutzte die Renaissance des Kinos in den 90er Jahren für ein rasantes Wachstum. Auch wenn noch Projekte in Frankfurt, Saarbrücken, Leipzig oder Bamberg geplant sind, setzt auch Kieft & Kieft zum Sprung ins Ausland ein. Schon jetzt verfügt das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 250 Millionen Mark über Standorte in der Schweiz, Österreich und in den Niederlanden. Mit Hilfe eines Joint-Ventures steigen die Lübecker auch im italienischen Filmtheatermarkt ein.

Unterdessen nimmt die Marktkonzentration in Deutschland weiter zu. So hat sich die Ufa/Cinemaxx-Gruppe bereits als drittgrößter Kinobetreiber in Europa gut aufgestellt. Viele Marktbeobachter glauben, dass in einer Periode der Konsolidierung vieles in Bewegung geraten ist. Neue Joint-Ventures und Übernahme werden in der Branche folgen. "Ich bin davon überzeugt, dass es neben der Vielzahl von kleinen, mittelständischen Gruppen und Einzelkinobetreibern zwei bis drei große Kinounternehmen geben wird. "Wir werden dazu gehören", erklärt Cinemaxx-Chef Flebbe. Auch Kai Lauterbach, Unternehmenssprecher von Kieft & Kieft, glaubt, dass der von den Multiplex-Kinos vor zehn Jahren ausgelöste Strukturwandel noch nicht abgeschlossen ist. Seit Januar 1998 ist der australische Kino-Marktführer Greater Union zur Hälfte an Kieft & Kieft beteiligt.

Wie gesundes Wachstum aussehen könnte, hat Cinemaxx bereits vorgemacht. Durch einen Geschäftsbesorgungsvertrag kontrolliert das Unternehmen die Ufa weitgehend. "Innerhalb der nächsten fünf Jahre haben wir die Option auf eine vollständige Übernahme", erklärt Flebbe. Derzeit kontrolliert die Cinemaxx/Ufa-Gruppe rund 40 Prozent des Multiplex-Marktes und etwa 20 Prozent am gesamten Kinomarkt. Auch auf europäische Ebene hat sich Flebbe Anfang 1999 mit Kinepolis NV (Brüssel) einen starken Partner an Bord geholt. "Mit Kinepolis verfolgen wir die Absicht, als größter europäischer Kinoverbund auch den großen Betreibern aus den USA und Australien Paroli bieten zu können." Die Kinobranche steht vor einer zweiten Revolution: Die technische Zukunft ist digital. Auf die Filmtheater kommen hohe Investitionskosten zu. Die digitale Wiedergabe hat jedoch für Verleiher und Kinobetreiber Vorteile: Arbeitsschritte wie Zusammenschneiden oder der Filmtransport entfallen künftig. Dennoch liegt der Kostenvorteil bei den Verleihern.

Noch ist unklar, zu welchem Preis es die neue Bild- und Tonqualität geben wird. Die Filmtheaterbetreiber setzen auf eine konstruktive Kooperation mit den Verleihern. "Wir erwarten ein Entgegenkommen der Filmverleiher, aber wir wollen keine Fronten aufbauen", erklärt Kai Lauterbach von Kieft & Kieft. Derzeit teilen sich Kino und Verleih nach Abzug der Mehrwertsteuer und der Filmförderungsabgabe den Eintrittspreis. Über diese Jahrzehnte alte Regelung wird in Zukunft zu sprechen sein, wenn sich in vermutlich fünf Jahren - wie Marktkenner glauben - die Digitaltechnik flächendeckend Einzug in den deutschen Kinosälen halten wird. Nach dem Willen der Filmtheater sollen sich dann die Verleiher an der neuen technischen Ausstattung auch finanziell beteiligen.

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