Wirtschaft : Crashtest in Wolfsburg

Bleibt Bernd Pischetsrieder VW-Chef? Ab heute berät der Aufsichtsrat – die Strippen zieht Vorgänger Piëch

Anselm Waldermann

Berlin - Eigentlich soll es an diesem Mittwoch um die echten Probleme gehen. Schließlich hat Volkswagen davon genug: Hohe Überkapazitäten, Verluste in den USA, geringe Effizienz. Die Tagesordnung müsste also feststehen, wenn am Abend der Aufsichtsrat des größten europäischen Autobauers zusammenkommt. Doch seit Wochen drängt sich ein anderes Thema in den Vordergrund: die Frage nach der Zukunft von Vorstandschef Bernd Pischetsrieder. Oder, allgemeiner ausgedrückt, die Frage, wer bei VW das Sagen hat.

Wichtigster Akteur in dem Schauspiel ist der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch. Der Enkel von Ferdinand Porsche war selbst jahrelang VW-Vorstandschef – und mag sich nicht aus dem aktiven Geschäft zurückziehen. Regelmäßig düpiert „der Alte“, wie sie ihn in Wolfsburg nennen, Pischetsrieder öffentlich. In einem Zeitungsinterview bezeichnete er dessen Vertragsverlängerung wie nebenbei als „eine offene Frage“. Um sich selbst nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, schob er die Arbeitnehmer als Argument vor. Er kenne keinen Vorstand, der gegen die Stimmen der Beschäftigtenvertreter „überleben könnte“, erklärte er süffisant.

Pischetsrieders Anhänger, vor allem Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), konnten das so nicht stehen lassen – zumal sie seinen Sanierungskurs sehr schätzen. Schon in der Aufsichtsratssitzung an diesem Mittwoch würden die beiden Vertreter der wichtigsten Anteilseigner gerne Pischetsrieders Vertrag verlängern.

Doch so einfach geht das nicht. Denn im VW-Aufsichtsrat gibt es ein weiteres Schwergewicht, das ein gehöriges Wort mitzureden hat: IG-Metall-Chef Jürgen Peters. Er und der Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh möchten die offene Personalie nutzen, um die anstehende Sanierung für die Beschäftigten möglichst verträglich zu gestalten. Schließlich droht der Abbau von 20 000 Arbeitsplätzen und außerdem die Verlängerung der Arbeitszeit von 28,8 auf 35 Stunden die Woche – ohne Lohnausgleich. Angesichts dieser Einschnitte wollen Osterloh und Peters „erst über Inhalte und Strategien“ reden und „sich keinen Zeitplan diktieren lassen“. Mit anderen Worten: Pischetsrieder ist ihr Faustpfand und muss noch eine Weile zappeln.

Für Piëch ist die Situation genau so, wie er es mag: Gibt es im Aufsichtsrat eine Pattsituation, zählt die Stimme des Vorsitzenden, also seine eigene, doppelt. Zusammen mit ihm hätten die Kapitalvertreter die Mehrheit – oder aber die Arbeitnehmerseite. Entscheidend ist nur, wie er sich entscheidet. Warum sollte Piëch diese für ihn so angenehme Lage voreilig aufgeben? Vielmehr scheint es möglich, dass es für Pischetsrieder erst kurz vor der Hauptversammlung im Mai Klarheit geben könnte.

Experten gefällt diese Verzögerungstaktik gar nicht. „Die Dallas-Opern, die Herr Piëch vorträgt, tragen nicht dazu bei, den Sanierungsplan erfolgreich durchzuführen“, sagt Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer. „Das größte Problem bei VW ist nicht der Vorstand, sondern der Aufsichtsrat.“ Dudenhöffer spricht sich deshalb dafür aus, erst die Personalie zu klären und dann das Sanierungskonzept umzusetzen. „Bis zum Mai zu warten, wird das Unternehmen sicher nicht stärken.“ Besonders zuversichtlich ist der Fachmann allerdings nicht: „Die wesentliche Variable ist Piëch, und den kann man nicht einschätzen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben