Wirtschaft : Da ist noch Luft nach oben

Dax-Konzerne haben ein glänzendes Quartal hinter sich. Trotzdem sehen sie die Zukunft nüchtern

Stefan Kaiser,Henrik Mortsiefer

Berlin - Die Geschäfte deutscher Großkonzerne sind im Frühsommer 2006 besser gelaufen, als Experten erwartet haben. Vor allem die Höhe der Gewinne hat die Analysten überrascht. 28 von 30 Dax-Firmen, die ihre Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt haben, steigerten ihren Umsatz zwischen April und Juni im Vergleich zum Vorjahresquartal um neun Prozent. Das operative Ergebnis stieg im Schnitt um knapp 17, der Jahresüberschuss um rund 50 Prozent. Mit ihren Überschüssen lagen die Firmen im Durchschnitt um 20 Prozent über den Konsensprognosen der Analysten, wie die DZ Bank ausgerechnet hat. Allerdings enttäuschten auch einige große Namen wie die Telekom, der Tourismuskonzern Tui oder die Commerzbank. Und: Viele Dax-Vorstände dämpften allzu große Hoffnungen, dass sich die hohen Wachstumsraten in der zweiten Jahreshälfte durchhalten lassen.

„Wir haben eine der besten Quartalssaisons hinter uns. Die Dax-Unternehmen haben sehr gute Ergebnisse präsentiert“, sagte Jens Herdack, Portfoliomanager bei der Weberbank. Weder die Rückblicke noch die Prognosen seien aber wirklich aus dem Rahmen gefallen. „Die Überraschungen waren nicht mehr so groß wie im ersten Quartal“, sagte Ralf Zimmermann, Aktienstratege beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Beim Blick nach vorn sind die Unternehmen zunehmend vorsichtiger: 15 von 30 Dax-Firmen beließen es bei ihren Prognosen, drei korrigierten ihre Ziele nach unten. „Es wird nach dem Motto ,Wait and see’ gehandelt“, sagte Robert Halver von Vontobel Asset Management. „Die Unternehmen lassen Luft nach oben.“ So weit sind viele Analysten noch nicht. Für 2007 rechnen sie im Schnitt mit einem Gewinnwachstum von 13 Prozent. „Das stimmt nicht mit dem konjunkturellen Ausblick überein“, meinte Zimmermann. „Die Analysten werden das korrigieren müssen.“ Das glaubt auch Fondsmanager Herdack: Analysten neigten oft dazu, zuerst zu optimistisch zu sein – um sich anschließend zu korrigieren. „Dann fallen die positiven Überraschungen später besser auf.“

AUTOHERSTELLER

„Alle Autokonzerne haben die Erwartungen übertroffen“, bilanzierte Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. VW, Daimler-Chrysler und BMW hätten sich auf dem schwierigen Markt gut behauptet. VW – der operative Gewinn vor Sondereinflüssen stieg seit Januar um 51,3 Prozent auf knapp über zwei Milliarden Euro – habe dabei das „überzeugendste Bild“ geliefert. Alle Konzernmarken hätten sich gut verkauft, die Sanierung zeige Wirkung. „Die Realität ist eher noch besser als die Zahlen zeigen“, glaubt Pieper. Auch Daimler-Chrysler – die Mercedes Car Group verdient wieder Geld – sei auf dem „richtigen Weg“. Unsicher bleibe die Lage bei Chrysler, eine Gewinnwarnung der Amerikaner sei denkbar. BMW habe ebenfalls mit guten Ergebnissen überrascht – dies freilich auch unter Mithilfe der Buchhalter, die zum Abschied von Vorstandschef Helmut Panke das Zahlenwerk besonders poliert hätten.

BANKEN

„Im Bankensektor wurden die Erwartungen einigermaßen erfüllt“, sagt Andreas Weese, Analyst bei der Hypo-Vereinsbank. Im nervösen Marktumfeld reiche das aber nicht aus. Von den drei Banken im Dax schnitt die Commerzbank am schlechtesten ab. Die hohen Kosten der Eurohypo-Übernahme belasteten das Ergebnis, die Aktie brach um mehr als acht Prozent ein. Auch bei der Deutschen Bank reichte ein kleiner Makel in den Zahlen, um die Aktie auf Talfahrt zu schicken. „Die Erwartungen waren zu hoch“, sagt Dieter Hein von Fairesearch. „Obwohl die Ergebnisse zweistellig gewachsen sind, wurden sie negativ aufgenommen.“ Im dritten Quartal könnten die Enttäuschungen noch größer werden. Die Monate von Juli bis September gelten traditionell als schwache Bankenmonate. Mittelfristig sehen die Analysten die Bankenaktien positiv. Vor allem Deutsche Bank und Hypo Real Estate gelten als günstig bewertet. Bei der Commerzbank könnten laut Analyst Hein Übernahmefantasien den Kurs nach oben treiben.

ENERGIE

Beim Düsseldorfer Eon-Konzern, der erst am kommenden Dienstag Zahlen veröffentlicht, rechnen Analysten mit ähnlich guten Zahlen wie beim Konkurrenten RWE, der sein Halbjahresergebnis um fast 20 Prozent steigern konnte. Den Versorgern sitzen allerdings politische Probleme im Nacken: Die Diskussion über die Gefahren der Kernkraft, vor allem aber die Entscheidungen der Bundesnetzagentur, die die Konzerne zwingen will, die Entgelte für die Nutzung ihrer Netze zu senken. „Trotz dieser politischen Unklarheiten bleiben die Aussichten gut“, meint Peter Wirtz, Energie-Analyst bei der WestLB. „Wir erwarten, dass Eon seine Gewinnprognose leicht anheben wird.“

TECHNOLOGIE

Siemens, SAP und Telekom – die größten deutschen Technologiekonzerne – sorgten für Negativschlagzeilen. Preis-, Margen- und Wettbewerbsdruck, die Restrukturierungen und zu hohe Erwartungen machten den Unternehmen zu schaffen. „Technologie bleibt der Gradmesser für die Zukunft“, sagte Robert Halver von Vontobel Asset Management. Die enttäuschenden Ergebnisse seien deshalb ein Hinweis auf ein nahendes Ende des Konjunkturzyklus. Kursabstürze wie etwa bei SAP zeugten aber auch von selektiver Wahrnehmung der Investoren: Magere Zahlen, die der Softwarekonzern vorab veröffentlichte, ließen das Papier dramatisch einbrechen. Der später vollständig nachgelegte Quartalsbericht mit hervorragenden Gesamtergebnissen stieß an der Börse hingegen auf verhaltene Resonanz.

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