Wirtschaft : Das Fusions-Karussell dreht sich weiter

THOMAS MAGENHEIM[MÜNCHEN]

Die bayerische Ehe von Hypo und Vereinsbank nährt Spekulation über weitere ZusammenschlüsseVON THOMAS MAGENHEIM, MÜNCHEN

Die mörderische Frage, wer in Deutschlands Bankenwelt mit wem geht, ist fürs Erste geklärt.Ob die bayerische Bankenehe zwischen Hypo und Vereinsbank (BV) aber schon der Schlußpunkt einer Konzentration deutscher Kreditinstitute ist, darf bezweifelt werden.Deutschland gilt im internationalen Vergleich mit Bankfilialen als überversorgt, hiesige Bankhäuser als renditeschwach. Eine Schattenseite von Fusionen sind die Arbeitsplätze.Darauf gibt die neu entstehende Bayerische Hypo- und Vereinsbank einen Vorgeschmack.Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) befürchtet dabei den Verlust von bis zu 8000 Stellen.Auch eine Studie der Westdeutschen Landesbank (WestLB) kommt zu diesem Ergebnis.In den betroffenen Instituten halten Betriebsräte diese Schätzungen für übertrieben.Auf 4000 bis 6000 Stellen beziffern Hypo- und BV-Betriebsräte den drohenden Abbau.Bis zu 30 Prozent aller 1312 deutschen Hypo- und BV-Filialen seien in Gefahr.Die WestLB schätzt den Filialverlust auf ein Viertel. Offiziell versuchten die Bankenmanager Eberhard Martini (Hypo) und Albrecht Schmidt (BV) dem Eindruck von Massenentlassungen entgegenzutreten.Sie verwiesen auf das Potential einer natürlichen Fluktuation von jährlich 2000 Stellen in beiden Häusern und die Möglichkeit einer Expansion in der nördlichen Hälfte Deutschlands.Das Personal müsse künftig bereit sein, das Stammgebiet der bayerischen Banken zu verlassen und nach Nordrhein-Westfalen oder auch Asien umzusiedeln, wies Schmidt die Richtung.Ein größeres Filialsterben deutete dagegen Martini an.Schon zuletzt hätten Hypo und BV im Personal abgespeckt.Da gerade im Süden Deutschlands viele Zweigstellen Tür an Tür liegen, werde man rationalisieren.Klar ist, daß die bayerische Lösung für die Bankangestellten ein "Blutbad" bedeutet, stellte ein Bankier fest. "Blut" fließt vorerst vor allem in Bayern.Aber weitere Fusionen werden schon gehandelt, wie die explodierenden Aktienkurse der Banken an der Börse andeuten.Die deutsche Bankenlandschaft werde sich "dramatisch ändern" und ­ nachdem die Bayern nun das Eis gebrochen haben ­ "wohl schneller als bisher gedacht", schätzte ein Börsianer am Frankfurter Parkett.Als heißer Übernahmekandidat gilt einmal die Commerzbank.Sie habe schlechte Abwehrmechanismen und könne sich gegen eine Übernahme aus dem Ausland oder durch die Deutsche Bank nicht wehren, heißt es.Die Commerzbank könne keiner gebrauchen, weil sie in der wichtigen Sparte Investment-Banking zu schwach auf der Brust sei, schätzen andere, die wiederum die BHF-Bank als nächstes "Opfer" sehen.Als "Täter" wird einmal die Dresdner Bank genannt, dann die Bankgesellschaft Berlin/NordLB. In der Gerüchteküche gehandelt wird auch eine Fusion von BHF, IKB und Depfa.Zudem sei die Frankfurter BfG Bank reif für einen Käufer.Immenses Fusionspotential sehen Experten ferner auf der Ebene von Sparkassen und Landesbanken.Die Übernahmephantasie mag derzeit ebenso überkochen wie damit korrespondierende Börsenkurse.Weltfremd ist sie sicher nicht.Deutsche Banken sind international gesehen mit Ausnahme von Branchenführer Deutsche Bank zum einen zu klein.Für Bewegung sorgt zum anderen das Zusammenwachsen von Banken und Versicherungen.Das stellte zuletzt der Vorstandschef des Assekuranz-Riesen Allianz, Henning Schulte-Noelle, fest.Zugleich kündigte er an, daß die Allianz als neues Kerngeschäftsfeld nun verstärkt ihre Vermögensverwaltung ausbaut und damit in traditionelles Bankengeschäft eindringt.Schon bei der Fusion von Hypo und BV hatte die Versicherung ihre Finger im Spiel.Sie hält knapp ein Viertel der Hypo-Aktien und vier Prozent der BV."Wir haben mitgedacht," räumte ein Allianz-Sprecher ein.Angelegt hat die Allianz weit über Hypo und BV hinaus.Sie verfügt über knapp 23 Prozent der Dresdner Bank, gut 15 Prozent der BHF- sowie 12 Prozent der IKB-Bank und kann damit weiter im Fusionskarussell mitdenken.Kenner der Szene halten es für möglich, daß die Allianz, mit knapp 16 Prozent künftiger Großaktionär der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank, durchaus als weitere Stufe der Neuordnung eine Fusion der Bayern mit der Dresdner Bank erwägt.Sinn würde das machen.Die neue Bayern-Bank schwächelt unter anderem im Auslandsgeschäft, das die Dresdner betreibt.Spekuliert wird auch über ein direktes Zusammengehen von Allianz und Dresdner zu einem Allfinanzkonzern.Beidem dürfte die Deutsche Bank nicht tatenlos zusehen.An internationalen Maßstäben gemessen biete Deutschland langfristig nur Raum für zwei große Privatbanken, schätzen Fachleute.Etwa 100 000 Stellen seien damit überzählig.

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