Wirtschaft : Das Handy wird zur Geldbörse

Deutsche Städte testen mobiles Bezahlen im öffentlichen Nahverkehr und beim Parken – Streit um einheitlichen M-Payment-Standard

S. Hoffmann/D. Rhée-Piening

Berlin - Handy-Besitzer brauchen in Zukunft weder Kleingeld noch Scheckkarte. Ein Anruf genügt – und schon wird das Telefon zur Geldbörse. Mobile Payment oder kurz „M-Payment“ nennt dies die Branche, und die Unternehmensberatung Arthur D. Litte geht davon aus, dass im Jahr 2008 mit M-Payment weltweit fast 38 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Heute ist es erst ein Zehntel.

In Deutschland steckt M-Payment noch in den Kinderschuhen. In Osnabrück, Bonn und Köln kann der Kunde öffentliche Verkehrsmittel per Handy zahlen. In Berlin läuft ein Test für so genanntes Handy-Parking, der zunächst bis Jahresende befristet ist und von der EU finanziert wird. Ursprünglich hatte der Betreiber, die österreichische Firma Mobile Parking, mit bis zu 10000 Teilnehmern gerechnet, bis jetzt sind es 7500 geworden. Geschäftsführer Tomas Tampier: „Wir sind optimistisch, dass Handy-Parking im kommenden Jahr weiterläuft. Ende 2006 wollen wir das System in zehn deutschen Städten anbieten.“

Die Handhabung des Handy-Parking ist einfach. Teilnehmer erhalten eine maschinenlesbare Vignette für die Windschutzscheibe ihres Autos. Bei der Ankunft auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz meldet sich der Autofahrer per Handy bei einer Zentrale an. Bei der Abfahrt erfolgt die Abmeldung ebenfalls per Handy. Politessen können mit Hilfe des Positionsbestimmungs-Systems GPS und der Vignette kontrollieren, ob der Fahrer sein Auto tatsächlich angemeldet hat. Die Gebührenabrechnung erfolgt monatlich, es wird vom Bankkonto abgebucht.

In Österreich ist man schon weiter. 600000 Kunden können dort den ganzen Tag ohne Bargeld oder Kreditkarte verbringen und alle wichtigen Zahlungen per Mobiltelefon abwickeln.Über das System Paybox kann man zum Beispiel Kinokarten bestellen oder an der Tankstelle bezahlen. Die Zahlung erfolgt per SMS. Nach einer einmaligen Anmeldung verschickt der Kunde für jede Zahlung ein Schlüsselwort an eine gebührenfreie Nummer. Daraufhin erhält er eine Bestätigungs-SMS mit dem abgebuchten Betrag. Derzeit verlangt Paybox vom Kunden eine Jahresgebühr von 15 Euro. „Die Sicherheit ist gewährleistet“, sagt T-Mobile-Sprecher Husam Azrak. „Die Identifikation des Kunden erfolgt über das Handy, personalisiert durch die SIM-Karte, nicht etwa durch die Telefonnummer.“ Wird das Handy gestohlen, muss die SIM-Karte gesperrt werden, um Missbrauch zu vermeiden.

„M-Payment ist eine für alle Seiten gewinnbringende Form des Bezahlens“, sagt Peter Lohmann, Leiter der E-Commerce-Abteilung von Mobilkom Austria. Während sich die Kunden über vereinfachte Zahlungen und Rechnungen freuen, profitieren die Mobilfunkbetreiber von jeder zusätzlichen SMS. „Die Mobilfunker nutzen einfach ihre Kompetenzen in der Abrechnung aus, denn da sind sie Weltmeister,“ erklärt Lohmann. Er geht davon aus, dass wie in Österreich auch in Deutschland etwa zehn Prozent der Bevölkerung M-Payment nutzen würden. Das wären mehr als acht Millionen potenzielle Kunden. Aber: „Entweder erkennen die deutschen Mobilfunkanbieter den Markt nicht oder sie scheuen die Investitionskosten“, sagt Lohmann.

Doch nicht nur in Deutschland, auch europaweit hakt es. Noch bis vor wenigen Monaten war eine M-Payment-Plattform geplant, die europaweit allen Mobilfunkanbietern zur Verfügung stehen sollte. Doch im Juni starb das Projekt „Simpay“, weil sich die vier großen Anbieter Orange, Telefonica Moviles, T-Mobile und Vodafone nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen konnten

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