Wirtschaft : Das Mailänder Modehaus Prada übernimmt die Kontrolle über den Hamburger Konzern

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Jil Sander wird italienisch. Der Mailänder Modekonzern Prada hat über die Prada Holding BV 75 Prozent der Stamm- und 15 Prozent der börsennotierten Vorzugsaktien der Jil Sander AG, Hamburg, von der Unternehmensgründerin Heidemarie Jiline (Jil) Sander übernommen. Der Verkauf steht unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Bundeskartellamtes, mit der im Laufe September gerechnet wird.

Entscheidend ist, dass die 55-Jährige Jil Sander, die den Konzern gegründet, aufgebaut und durch ihren Modestil geprägt hat, Vorstandsvorsitzende bleibt. Sie trägt damit weiterhin die Verantwortung für Design und Styling aller Jil Sander-Produkte. Patrizio Bertelli, Vorstandsvorsitzender der Prada Holding, wird den Vorsitz im Aufsichtsrat übernehmen. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Bankenkreise schätzen ihn auf rund 275 Mill. DM.

Die Jil Sander-Gruppe setzte 1998 mit insgesamt 456 Beschäftigten 214 Mill. DM um, erwirtschaftete einen Gewinn von 12,7 Mill. DM vor Steuern und 6,4 Mill. DM Jahresüberschuss. Im ersten Halbjahr 1999 stieg der Umsatz im Vergleich zur Vorjahresperiode um 4,1 Prozent, das Ergebnis vor Steuern um 23,5 Prozent auf 7,1 Mill. DM.

Mit der Bestätigung der Übernahme durch Prada werden seit zwei Wochen anhaltende Spekulationen beendet, die bei der Belegschaft des Jil Sander-Konzerns zu erheblicher Verunsicherung geführt hatten. Das Unternehmen hatte sich in dieser Zeit nur zu einem windelweichen Dementi durchgerungen, Jil Sander sagte gar nichts. Auch jetzt zeichnet Unsicherheit die Ad-Hoc-Mitteilung der AG: "Die Gesellschaft hat davon Kenntnis genommen, dass Jil Sander und Prada zukünftig eng zusammenarbeiten werden", heißt es dort.

Die Entscheidung, die Unternehmenskontrolle an Prada abzugeben, dürfte der im November 1943 in Wesselburen in Dithmarschen geborenen Designerin nicht einfach gefallen sein. Zu sehr hat sie das Unternehmen seit der Eröffnung ihrer ersten Boutique in Hamburg 1968 und der Gründung der Jil Sander GmbH 1978 auf ihre Person zugeschnitten und dominiert. Dass dabei seit dem Börsengang 1989 praktisch alle zwei Jahre der sie begleitende Finanzvorstand verschlissen wurde, steht auf einem anderen Blatt. Außerdem drohte die enge Verknüpfung mit ihrer Person allmählich zum Nachteil für das Unternehmens zu werden: Ein Nachfolger aus der Familie ist nicht vorhanden. Aufgrund ihrer Dominanz ist im Unternehmen auch kein Führungsnachwuchs gewachsen. Zugleich hat der Konzern - wie andere Modehäuser auch - unter der Asienkrise gelitten. Zusammen mit den Aufbaukosten der Tophäuser in den Metropolen hat dies zur Ertragserosion geführt.Die Folge ist im Kurs der Vorzugsaktien ablesbar. Der Emissionskurs von 1150 DM (588 Euro)Ende 1989 wurde nie mehr erreicht. Er bröckelte vielmehr von 550 Euro im Juli 1998 auf rund 300 Euro ab.

Die Jil Sander-Aktie war und blieb ein "Liebhaberwert", dem viele Analysten aufgrund der geringen Umsätze keine Aufmerksamkeit mehr schenkten. Das operative Tagesgeschäft hat Jil Sander nie sonderlich interessiert. Ihrer Leidenschaft, dem Design, kann sie jetzt ungestört nachgehen. Geschäftstüchtigkeit hat sie indes immer bewiesen. Schon beim Börsengang flossen der AG aus den Vorzugsaktien nur 11,5 Mill. DM zu, Jil Sander kassierte 80,5 Mill. DM.

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