Wirtschaft : Das Netz und die Gier

Immer wieder gibt es in den USA Probleme mit dem Strom

Joellen Perry

Angesichts der Stromausfälle in New York und weiten Teilen Nordostamerikas fühlen sich viele an die Energiekrise Kaliforniens Ende des Jahres 2000 erinnert. Tatsächlich aber ist jetzt schon klar, dass beide Ereignisse völlig verschiedene Ursachen haben – obwohl die Verantwortlichen noch diskutieren, warum genau 50 Millionen Menschen am Donnerstag und teilweise auch noch am Freitag ohne Strom waren. Einigkeit herrscht weitgehend darüber, dass es am veralteten US-Stromnetz liegt. Es verfügt schon längst nicht mehr über die Kapazitäten, den steigenden Bedarf zu erfüllen. In Kalifornien dagegen war nicht die Infrastruktur schuld, sondern Manipulation auf einem schwach regulierten Energiemarkt.

Während noch nach der genauen Ursache für das Debakel vom Donnerstag gesucht wird, geben die Beteiligten bereits zu: Selbst die vermutete kurzfristige Überlastung in der Region der Niagarafälle unweit der kanadischen Grenze hätte niemals zu dem größten Stromausfall in der amerikanischen Geschichte führen dürfen, wenn das Stromnetz auf dem Stand der Technik gewesen wäre. Es wurde vor 70 Jahren angelegt, um kleine Gebiete zu versorgen, danach notdürftig ausgebaut, um immer größere Mengen Elektrizität zwischen immer größeren Regionen zu transportieren. Es entstand ein System, das der heutigen Nachfrage kaum standhält. „Wir sind eine bedeutende Supermacht mit einem Stromnetz der Dritten Welt“, sagte der Gouverneur von New Mexico und frühere Energieminister, Bill Richardson.

Vor drei Jahren in Kalifornien war das Problem nicht das Netz, sondern die Gier. 1996 deregulierte der Staat als erster der USA seinen Elektrizitätsmarkt – mit einem schlecht konzipierten System, das quasi zum Betrug einlud. Die berüchtigte Enron Corporation zum Beispiel entwickelte ein ganzes Arsenal von Werkzeugen zur Marktmanipulation, um die Illusion eines Energieengpasses zu erzeugen und den Strompreis um bis zu 500 Prozent nach oben zu treiben. Als der Staat daraufhin eine Preisobergrenze für in Kalifornien produzierte Energie einführte, exportierte Enron den Strom einfach und verkaufte ihn dann wiederum an den Staat zurück – zu hohen Preisen. Mehrere Monate mussten Menschen und Kommunen auf Strom verzichten, die sich den Luxus nicht mehr leisten konnten. 2002 wurden zwei Enron-Verantwortliche der Marktmanipulation für schuldig befunden. Die Firma gab zu, ihr Verhalten habe zur Krise Kaliforniens „beigetragen“.

Immerhin leitete die Misere in Kalifornien Reformen ein, die ein weiteres Fiasko in den anderen 23 Staaten, die ihren Markt mittlerweile reguliert haben, verhindern sollen. Eine ähnliche Reaktion der Verantwortlichen für das antiquierte nationale Stromnetz ist angebracht, damit die Lichter in den USA so schnell nicht wieder ausgehen.

Die Autorin arbeitet bei „US News & World Report“. Übersetzt von Christian Hönicke.

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