Wirtschaft : Das Sars-Terror-Syndrom geht um

Die chinesische Regierung schürt die Panik vor der Seuche und ruft zur „Schlacht des Volkes“ auf

Leslie Chang

Als die tödliche Lungenkrankheit Sars die Stadt einnahm, rief Liu Yu ihren Tierarzt an und informierte sich, wie sie im Ernstfall ihre Katzen einschläfern könnte. „Was soll aus den Tieren werden, falls ich in Quarantäne komme", fragt Frau Liu auf dem Sofa ihrer Wohnung, die sie aus Furcht vor einer Ansteckung seit drei Wochen kaum verlassen hat. Die Androhung der Polizei, man werde jedes Tier töten, das den Anschein von Krankheit erweckt, hat sie aufgeschreckt. „Bevor die Behörden meine Katzen abholen, werde ich sie lieber eigenhändig einschläfern."

Verzweiflung und extreme Maßnahmen sind zur Regel geworden in Peking, seit die Stadt vor einem Feind abgeriegelt wurde, dem die meisten seiner fast 13 Millionen Bewohner trotz der bereits 2265 erkrankten Menschen nie begegnen werden. Auf vielen Plätzen der Stadt herrscht gähnende Leere., Restaurants und Geschäfte haben geschlossen, und das Bild auf den Straßen erinnert an längst vergangene Zeiten: Im Straßenverkehr haben die Fahrräder wieder die Oberhand, seit die Bewohner eine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln scheuen.

Noch vor wenigen Monaten herrschte in Peking Optimismus, Manager konferierten über Strategien für den unverzichtbaren chinesischen Markt. Überall wurde an gigantischen Bauprojekten gearbeitet – den Vorboten der Olympischen Spiele 2008. „Peking wird in den nächsten sechs Jahren im Mittelpunkt des weltweiten Interesses stehen", sagte noch im März der damalige Bürgermeister Meng Xuenon.

Inzwischen schaut die Welt nur noch wegen Sars auf die Stadt. Der Klang der Bauarbeiten ist verstummt, da die Kolonnen der Wanderarbeiter sich nicht mehr in der Hauptstadt blicken lassen. Warnungen der Weltgesundheitsorganisation taten ein Übriges, um Geschäftsleute und Touristen fern zu halten. Viele der vornehmen Villengegenden ähneln Geisterstädten, nachdem ihre wohlhabenden Bewohner vor der Seuche geflüchtet sind. 70 Prozent der Pekinger haben ihren Kontakt zu Freunden und Verwandten zurückgefahren, 20 Prozent verweigern ihren Familienmitgliedern gar eine Umarmung oder einen Begrüßungskuss, wie eine Umfrage der Horizon Research Group ergab. „Die Leute rufen bei uns an und fragen, ob man noch im Freien spazieren gehen kann," sagt Zhang Xing, ein Medizin-Praktikant. Seitdem das Krankenhaus, in dem er arbeitete, in eine Spezialklinik für Sars-Patienten umgerüstet wurde, beantwortet er Fragen zur Krankheit für eine Telefon-Hotline. „Wir müssen die Menschen aus ihren Häusern herauslocken", sagt er. Die Methoden der Regierung verängstigten die Menschen noch.

Mehr als einen Monat lang verschwieg der Staat die Gefahren von Sars. Als das Eingeständnis dann Ende April folgte, wurde schnell klar, dass eine autoritäre Staatsführung nach dem Schweigen nur eines kann: brüllen. Ärzte, die an der Krankheit gestorben sind, erhob man zu „revolutionären Märtyrern" und forderte die Mitglieder der Kommunistischen Partei dazu auf, gegen den Virus eine „Schlacht des Volkes" zu führen.

Der donnernde Ton der Offiziellen begünstigt, was Experten das „Sars-Terror-Syndrom" nennen: Bewohner haben Schutzmasken, Mobiltelefone und Geldscheine in Brand gesetzt, in ihrem Wahn, diese in der Mikrowelle zu desinfizieren. Viele Appartment-Komplexe haben ein System der Eingangskontrolle eingeführt. Und auf Postern werden die Bewohner von ihrer Hausverwaltung dazu aufgefordert, den „Kontakt mit der Außenwelt zu minimieren".

Isoliert in der eigenen Wohnung

Auch Katzeninhaberin Frau Liu hat sich zur Gefangenen ihrer eigenen Wohnung gemacht. Sie arbeitet jetzt zu Hause. Ihr Mann, der einen Supermarkt leitet, besorgt alle Einkäufe. Jeden zweiten Tag desinfiziert Frau Liu die ganze Wohnung einschließlich der Gebrauchsgegenstände ihres Mannes wie Schuhe, Brieftasche und Mobiltelefon.

Und sie sorgt sich um ihre Katze. Einige Virenexperten vermuten, das Virus stamme von frei lebenden Tieren und sei dann zu einem Erreger mutiert, der auch die Menschen befällt. Das chinesische Staatsfernsehen brachte die Spekulationen massenwirksam unters Volk. Jetzt fürchten die Menschen, dass sie sich von ihren Haustieren anstecken können. Die Polizei in einem Pekinger Stadtteil machte bereits deutlich, dass alle Tiere mit „verräterischen Anzeichen" getötet werden. Der Veterinär Yin Tieyuan kann sich kaum vor Anrufen retten. Zwar hat der Tierarzt noch kein einziges Tier mit Sars-Symptomen gesehen. Doch die Sorge der Menschen hält er für berechtigt: „Die Regierung ist schon mit der Versorgung der Menschen überfordert. Auf Haustiere würde wohl niemand Rücksicht nehmen."

Texte übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Kim Jong Il), Tina Specht (Sars), Matthias Petermann (Neues Europa, Belgien), Christian Frobenius (Sars in den USA).

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