Wirtschaft : Das Schweigen der mobilen Telefone

MARKUS ZIENER

MOSKAU .Ein Kollege von Andrej Glebowkin wurde regelrecht "kalt erwischt": Als dieser an einem Dienstag im September in die Mittagspause ging und mit einer Magnetkarte die Schranke öffnete, schien alles wie immer.Doch bei der Rückkehr eine halbe Stunde später blieb die Wirkung des Plastikkärtchens aus.Der verdutzte Kollege wurde in einen Nebenraum geführt und aufgeklärt.Ab sofort entlassen, dürfe er noch einmal an seinen Arbeitsplatz, um seine Sachen zusammenzupacken.Ort dieses abrupten Endes einer Bankkarriere war Moskau.Nicht nur einmal, sondern tausendfach.

Der eine erfuhr von seinem Schicksal per Magnetkarte, andere per Fax, und in manchen Unternehmen wurden die Namen der Gefeuerten laut verlesen.Seit dem 17.August, dem Tag der Abwertung, sollen 200 000 Mittelklasse-Russen in Moskau auf diese Weise abserviert worden sein.Als Entlassungsvarianten stehen entweder die fristlose Kündigung oder der unbezahlte Urlaub zur Debatte.Der Grund: Finanzkollaps mit Zusammenbruch des Zahlungswesens.

Andrej Glebowkin, bei der Großbank SBS-Agro zuständig für die Kreditvergabe beim Kauf von Immobilien, macht sich über seine Zukunft keine Illusionen.Von 35 Kollegen seiner Abteilung haben außer ihm noch fünf Beschäftigung.Für den Fall seiner Entlassung hofft der 32jährige auf einen Anschlußjob."Ich habe gute Kontakte und eine gute Ausbildung", sagt er.Er lebe heute noch wie vor drei Jahren, bevor er den Zuschlag für die Arbeit bei der Bank bekommen hat.

Mit einem monatlichen Einkommen von 13 000 Rubel - knapp 4000 DM vor der Abwertung, heute weniger als 1500 DM - hätte Andrej sich und seiner Frau durchaus ein luxuriöses Leben finanzieren können.Für das Gros der Mittelklasse gehörten ein Importauto, eine Stadtwohnung, japanische Video- und Computeranlagen sowie das "Handy" zum Standard.Doch ohne Job schlagen jetzt die Servicekosten über den Köpfen der "neuen Reichen" zusammen.Die Autos parken vor der Haustür oder werden verkauft, Handys bleiben stumm und Urlaubsreisen sind gestrichen."Schlimm ist es aber vor allem bei jenen, die eine Entlassung als persönliche Tragödie auffassen", erinnert sich Andrej.

Dies bestätigt auch Alexander Tschepurenko, stellvertretender Leiter des Russischen Unabhängigen Forschungsinstituts (RUFI).Für die wirtschaftliche Mittelschicht sei der gesellschaftliche Absturz eine "Katastrophe".Eine Katastrophe mit politischen Konsequenzen.Denn die sogenannten Mittelständler - Händler, Dienstleister, Banker, Versicherer oder Existenzgründer - haben bei den Präsidentschaftswahlen vor gut zwei Jahren noch für Boris Jelzin votiert.Damit sei es vorbei."Die sind stinksauer auf Jelzin", hat Tschepurenko in Umfragen erfahren.Jelzin und seine Reformer hätten den Mittelstand vernachlässigt.Die Zustimmung für den sozialdemokratisch ausgerichteten Grigorij Jawlinski sei der erste Beweis für den Stimmungsumschwung.

Im Juni und Juli noch auf 15 Prozent bis 20 Prozent der Bevölkerung geschätzt, ist nach Ansicht von Tschepurenko die Mittelklasse auf 3 Prozent bis 4 Prozent zusammengeschmolzen.Prächtige Bankgebäude waren in den vergangenen Jahren in der Hauptstadt aus dem Boden geschossen, futuristisch die einen, pseudo-klassizistisch die anderen, aber stets teuer und aufwendig.Ihr Vermögen hatten die Geldhäuser dabei aus dem Geschäft mit hochverzinslichen Staatsanleihen (GKO) geschöpft, das eine risikolose Kapitalmehrung versprach.Doch mit dem Einsturz der GKO-Pyramide hat sich nun nicht nur ein Heer von geprellten Sparern gebildet, die ihren Einlagen nachjagen, sondern auch eine nie gekannte Arbeitslosigkeit.

Diese unter seinen Mitarbeitern zu vermeiden ist das Ziel von Alexander Woroschilo.Die 80 Beschäftigten in seiner Wurstfabrik mußte er zwar schon auf Gehaltsdiät setzen, doch entlassen hat er noch niemanden.Woroschilo, einer der populärsten russischen Opernsänger, hatte nach einer schweren Lungenentzündung Anfang der 90er Jahre dem Bolschoj Theater den Rücken gekehrt und umgesattelt.Der Träger des sowjetischen "Glinka-Ordens" und "Verdiente Aktivist der DDR" nutzt seinen Namen als Kapital.Bei Behörden und Firmen öffneten sich die Türen, wenn der Star eine Frage auf dem Herzen hatte.Mit seinem Konterfei auf den Plakaten avancierten die Würste zu einer Delikatesse in Moskau.Bis zum August dieses Jahres verkaufte der 53jährige in 120 Geschäften seine Waren.Doch seit dem Währungsverfall herrscht am Firmensitz an der Dimitrowka-Chaussee Endzeitstimmung.

Woroschilo, der sich selbst als klassischen Mittelständler sieht, gerät in Rage, wenn er über die russische Wirtschaftskatastrophe spricht.Die Zulieferer aus den russischen Regionen würden angesichts des Kursrisikos kaum noch Fleisch und vor allem Därme liefern, so daß sich die tägliche Produktion von einst bis zu 5 t auf heute 500 kg bis 700 kg reduziert habe.Noch zehre man von Altbeständen, doch wie die Lage schon in den kommenden Wochen aussehen werde, das ließe sich nicht sagen.Bis zum 17.August habe man mit Gewinn gearbeitet, erinnert sich der gelernte Sänger wehmütig.Aber jetzt "traue ich diesem Land nicht mehr".Daß es nun auch Betriebe wie den seinen erwischt hat, findet er besonders ungerecht."Wir haben schließlich produziert und nicht nur mit Ware gehandelt."

Das Gerede von der russischen Mittelklasse ist für Woroschilo ein Mythos.Existiert habe sie nie."Wir hatten das Gefühl, daß sich beständig die Situation in Rußland bessert", sagt Andrej Glebowkin."Und es war auch die Hoffnung, daß man etwas langfristiger im Leben planen kann und nicht mehr alles dem Zufall überlassen bleibt." Eine Hoffnung, die man wohl erneut auf Jahre hinaus begraben müsse.

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