Wirtschaft : Das Unterwegs-Fernsehen

Zur Fußballweltmeisterschaft sollte das Handy-TV starten – doch noch sind viele Fragen ungeklärt

Thomas Loy

Eine Frage sollte man bei technikverliebten Menschen unbedingt vermeiden: Wozu braucht man das? Helmut Stein von der Deutschen TV-Plattform erzählt dann gern Anekdoten aus dem technikträgen Deutschland und kommt grinsend zu der Erkenntnis: „Der Kunde wird gar nicht gefragt.“ Auf dieser Basis floriert das Geschäft der Mobilfunkindustrie seit langem. Das Foto-Handy brauchte schließlich auch niemand, und trotzdem hat es inzwischen fast jeder.

Zur Fußball-WM 2006 sollte das Handy-TV, also der Fernsehempfang auf einem mobilen Endgerät, eigentlich starten. Aber die Mobilfunkanbieter rudern inzwischen wieder zurück. „Wir gehen davon aus, dass es zur WM kein vollwertiges Programm geben wird“, sagt René Bresgen von T-Mobile. Auch Hans Hege, Direktor der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg, rechnet nicht mit einem kommerziellen Angebot zur WM.

Dennoch soll das Publikum schon mal auf den Geschmack kommen. Zur Ifa wird Handy-TV aufwändig präsentiert. So zeigt zum Beispiel Nokia Prototypen, die etwa 20 digitale Radio- und Fernsehkanäle abspielen können. Der Nutzer darf nicht nur zusehen, sondern kann auch bei Quizsendungen mitspielen. Über das Mobilfunknetz als Rückkanal funktioniert Handy-TV interaktiv. „Der Zuschauer könnte etwa beim Quiz ,Wer wird Millionär’ mitraten“, sagt Stein.

„Es gibt das Bedürfnis nach Interaktivität“, sagt Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. Das zeigten Erfahrungen aus Frankreich oder Großbritannien. Daher glaubt er an den Erfolg dieser Angebote. Im Jahr 2007 rechnet Friedrich in Europa mit Umsätzen allein aus dem Handy-TV von 2,2 Milliarden Euro. 2010 sollen es europaweit bereits 4,4 Milliarden Euro sein.

Doch noch suchen Medienfirmen und Mobilfunkanbieter nach intelligenten Anwendungen und Geschäftsmodellen. Bei einem Test vor einem Jahr in Berlin konnten die 20 Probanden einen TV-Stadtführer mit Kinotrailern anschauen und dazu gleich die Tickets buchen. Das Angebot wurde kaum genutzt. Die Testpersonen wollten vor allem mobil Fernsehen – Sport und Nachrichten. Deshalb setzen private TV-Sender vorerst auf das herkömmliche Programm. „Das kennen die Leute schon und akzeptieren es deshalb eher“, sagt Klaus Hofmann von ProSiebenSat1Media.

Bei Vodafone kann man bereits 15 verschiedene TV-Angebote über die Mobilfunktechnik UMTS empfangen. Dabei müssen jedoch große Datenmengen zu jedem Kunden einzeln geschickt werden. Rufen viele Kunden die Angebote im selben Funkbereich gleichzeitig ab, kommt es zum Datenstau. Für den Massenmarkt taugt UMTS als Übertragungstechnik für TV nicht, bei der Übertragung als digitales Fernsehsignal ist es dagegen egal, wie viele Nutzer sich parallel zuschalten.

Noch gibt es aber keine Einigung über die Übertragungstechnik. In den nördlichen Bundesländern, inklusive Berlin, wird der DVB-H-Standard erprobt, im Süden hat man sich für DMB entschieden. DVB-H favorisieren Firmen wie Nokia, Vodafone und T-Mobile, der koreanische Handyhersteller Samsung setzt auf DMB. Berater Friedrich gibt DVB-H größere Chancen, „wegen der geringeren Investitions- und Betriebskosten“.

Nokia will 2006 die ersten TV-tauglichen Geräte auf den Markt bringen. Dass in Deutschland noch kein entsprechendes Übertragungsnetz vorhanden sein wird, ist für den Hersteller kein Hindernis. „Wir bringen die Geräte global auf den Markt. Dann müssen die Netzbetreiber entscheiden, ob sie diese Geräte ihren Kunden anbieten oder nicht“, sagt Nokia-Sprecherin Eva Heller. „Wir glauben aber, dass diese neuen Dienste sehr gefragt sein werden.“

Noch ist offen, zu welchem Preis. Im Gespräch sind TV-Abopreise von sechs bis acht Euro im Monat für drei oder vier Kanäle. Offen ist auch die Frage der Übertragungsrechte. Der Fußballverband Fifa vermarktet bisher nur Übertragungsrechte für konventionelle Handy-Dienste. Als erster Mobilfunkanbieter hat sich jetzt O2 die Rechte für Video-Übertragungen der WM aufs Handy gesichert.

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