Wirtschaft : „Das war Spielcasino“

Bei der WestLB müssen wohl weitere Vorstände gehen. Sie sollen Milliardenrisiken verschwiegen haben. Nach und nach deckt sich die ganze Bandbreite des Skandals auf.

Jürgen Zurheide

Düsseldorf - Das Ausmaß des Skandals bei der WestLB ist offenbar dramatischer als bisher angenommen. Nachdem Ende Juli Vorstandschef Thomas Fischer und Risikovorstand Mattijs van den Adel gehen mussten, stehen nun auch die Jobs der übrigen Vorstandsmitglieder auf der Kippe. Der gesamte Vorstand soll dem Aufsichtsrat und dessen Prüfungsausschuss im vergangenen Jahr mindestens sechs Monate lang erhebliche Risiken im Eigenhandel verschwiegen haben. Das geht aus Unterlagen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. KPMG war von der Finanzaufsicht Bafin mit der Untersuchung der Vorkommnisse im Eigenhandel der Bank beauftragt worden.

An Hand von Protokollen zeichnen die Wirtschaftsprüfer das zurückliegende Jahr der WestLB nach. Dabei wird deutlich: Obwohl die eigenen Bankfachleute massiv auf drohende Verluste in dreistelliger Millionenhöhe hingewiesen haben, entschied der Vorstand mehrfach, die zuständigen Bankgremien darüber nicht zu unterrichten. In Einzelfällen wurden kritische Berichte mit ausdrücklicher Billigung des Vorstands aus Vorlagen entfernt.

Bei einer Vorstandssitzung am 27. Juni 2006 musste sich der Vorstand zum ersten Mal mit einem Risikobericht befassen, der auf die Gefahren aus dem Aktienhandel hinwies. Den Aufsichtsrat wollte man allerdings nicht so umfassend informieren. „Eine angepasste Version des Reports wird an die Mitglieder des Risikoausschusses versandt“, beschloss der Vorstand, der an diesem Tag ohne Fischer tagte, „insbesondere die Seiten 13-15 werden nicht verteilt“. Exakt dort wurden aber die Risikopositionen mit Vorzugsaktien im Detail beschrieben. „Das war Spielcasino“, urteilt einer aus dem Kreis der Eigentümer, als er die acht Seiten plus Anhänge gelesen hat; er habe sich nicht vorstellen können, dass ein Bankvorstand so handelt.

Die Aktienhändler der WestLB hatten bei ihren Spekulationen auf eine sinkende Differenz zwischen stimmrechtslosen Vorzugsaktien und stimmberechtigten Stammaktien gesetzt. Dabei hatten sie so hohe Positionen an Vorzugsaktien von BMW und Metro aufgebaut, dass der eigene Vorstand zu dem Schluss kam, die Papiere seien praktisch unverkäuflich. Die Bank hielt zeitweise 92 Prozent aller freien BMW-Vorzüge in ihrem Depot, bei der Metro waren es 75 Prozent. Die Gesamtverluste aus diesen Transaktionen werden nach Einschätzung von Eigentümervertretern bei mehr als einer halben Milliarde Euro liegen. Die WestLB spricht von 240 Millionen Euro.

Nach Tagesspiegel-Informationen hat der Aufsichtsrat die drei verbliebenen Vorstandsmitglieder Hans-Jürgen Niehaus, Werner Taiber und Norbert Emmerich nur deshalb noch nicht entlassen, weil man die Bank nicht völlig handlungsunfähig machen wollte. Aus Dokumenten, die dieser Zeitung vorliegen, geht hervor, dass die Finanzaufsicht Bafin zunächst auf der Abberufung aller fünf Vorstandsmitglieder der West LB bestanden hat und sich erst später damit zufrieden gab, dass nur Bankchef Thomas Fischer und Risikovorstand Mattijs van den Adel gehen mussten. Wenn Ende des Monats der endgültige Bafin-Bericht vorgelegt wird, müssen deshalb auch die verbleibenden Vorstandsmitglieder mit ihrer Abberufung rechnen; ihnen droht sogar der Entzug des Bankführerscheins. Wenn sich die Bafin zu diesem Schritt durchringt, verlieren die Vorstände auch ihre Ansprüche gegen die Bank, sie erhalten dann weder eine Abfindung noch Pensionen. Gegenwärtig sind Fischer und van den Adel nur von ihren Aufgaben entbunden, sie beziehen weiter ihre Millionengehälter.

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