Wirtschaft : Dax: Nervöse Stimmung auf dem Parkett

Veronica Csizi

Der Dow Jones unter 10 000, der Nikkei unter 11 000, Nemax 50 unter 1000 - und der Dax demnächst wieder unter 5000 Punkten? In den letzten Augusttagen jedenfalls hat sich die Talfahrt des deutschen Leitbarometers weiter beschleunigt. Waren Ende Juli noch 5861 Punkte auf dem Dax-Konto, so sind es Ende August rund 17 Pozent weniger. Die traurige Bilanz: Drei Volksaktien auf Allzeittief, 27 Unternehmen zum Teil erheblich im Minus und die Anleger in tiefer Depression.

Volksaktie Nummer eins, die Deutsche Telekom, stürzte im August zwischenzeitlich bis auf 16,07 Euro ab, den tiefsten Stand seit dreieinhalb Jahren. Der Kurs der T-Aktie näherte sich damit wieder dem Ausgabepreis von umgerechnet 14,57 Euro, zu dem Abertausende im November 1996 zu neuen Aktionären geworden waren. Schuld daran waren hauptsächlich jene Investoren, die bei der Übernahme des US-Mobilfunkanbieters Voicestream durch die Deutsche Telekom mehr oder weniger unfreiwillig zu T-Aktionären geworden waren. Der Hongkonger Mischkonzern Hutchison Whampoa etwa trennte sich auf einen Schlag von 36 Millionen Anteilsscheinen. Abgewickelt wurde der Verkauf durch die Deutsche Bank, die sich mit dem Deal wenig Freunde gemacht haben dürfte, hatte sie die T-Aktie doch tags zuvor zum Kauf empfohlen. Wer der Empfehlung folgte, ist binnen Monatsfrist mehr als 30 Prozent ärmer geworden.

Auf Allzeittief knapp über 16 Euro abgesackt ist auch die Deutsche Post, die damit deutlich unter dem Erstzeichnerkurs von 21 Euro notiert. Dagegen waren auch gute Nachrichten machtlos: Die Halbjahreszahlen rangierten am oberen Ende der Analys-tenerwartungen, eine höhere Dividende ist anvisiert, zahlreiche Banken erneuerten ihr Kaufvotum. Verstimmt hat die Anleger aber, dass der Post ein neuer Wettbewerber drohen könnte. Ein Verlegerbündnis will in die Zustellung von Briefen unter 200 Gramm einsteigen, den Service der Post deutlich übertreffen und damit das eigentlich bis 2007 reservierte Monopol der Post knacken.

Dritter Kandidat für ein Allzeittief war Infineon. Bei 22,70 Euro stoppte die Abwärtsspirale - nun schon deutlich entfernt vom Ausgabepreis bei 35 Euro. Wie unsicher die Investoren in Sachen Halbleiter sind, zeigt nicht nur der Kursverlauf des größten deutschen Chip-Produzenten, der sich zu Monatsende wieder berappelte. Auch die großen Investmentbanken sind sich uneins: Credit Suisse First Boston beispielsweise stufte im August von "Kaufen" auf "Halten" herab, Merril Lynch dagegen stufte die Halbleiter auf "Kaufen" herauf.

Dass ein Teil der Probleme im Dax hausgemacht war, zeigte nicht nur die Telekom, sondern auch Bayer. Der Skandal um das Medikament Lipobay/Baycol wird die Leverkusener 1,3 Milliarden Mark kosten und dürfte damit eine der teuersten Rückrufaktionen der Geschichte sein. Zudem drohen Bayer Schadenersatz-Forderungen in dreistelliger Millionenhöhe. Der Börsenwert passte sich den Horrormeldungen schnell an: Die Bayer AG - mit mehr als 400 000 Aktionären auch eine der großen Publikumsgesellschaften - verlor im August ein knappes Viertel ihres Werts.

Bei den Autoaktien wurde deutlich, wie negativ die Stimmung auf dem Börsenparkett momentan ist. War der Euro eben noch ein Weichling, der die Wirtschaft ins Verderben führen würde, so galt die sachte gestiegene Währung vielen nun wieder als Verkaufsargument. Der schwächere Dollar, so hieß es, werde die guten Erfolge der deutschen Autobauer auf dem US-Markt wieder schmälern. Nicht zur Kenntnis nahmen die Anleger, dass der Branchenverband für dieses Jahr einen Rekordumsatz von 400 Milliarden Mark erwartet. Daimler-Chrysler - die ja über Chrysler von einem fallenden Dollar / steigenden Euro profitieren, verloren binnen Monatsfrist mehr als 15 Prozent und sind zwischenzeitlich sogar unter ihr Märztief bei 47,70 Euro gefallen.

Auch MLP konnte positive Nachrichten nicht in steigende Kurse umsetzen. Wie die Telekom blieb der Finanzdienstleister auch im August im Fadenkreuz der Shortseller. Dem Vernehmen nach sollen vor allem US-Anleger größere Leerverkäufe getätigt haben. Dem Dax-Neuling nützte es auch nichts, dass die Planzahlen der Analysten sogar überboten wurden. Seit Anfang Juli hat sich der Kurs des Papiesdamit fast halbiert.

Nur drei Papiere konnten sich in den letzten 23 Handelstagen überhaupt ins Plus retten: Metro, die Commerzbank und Preussag. Der Handelsriese Metro stieg nachrichtenlos, die Commerzbank profitierte erneut von Übernahmespekulationen. Im Gespräch waren und sind neben Generali die italienische Uni-Credito, eine US-Bank und die Deutsche Bank, die sich allerdings nur für das Privatkundengeschäft interessiert. Bei Preussag honorierten die Anleger, dass die Wachstumsbranche Tourismus im Konzern immer dominanter wird.

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