Wirtschaft : Der Eigenbrötler

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Von Frank Bachner

Berlin. Marcel Hacker besitzt kein Auto. Er hat kein Geld dafür. Hacker ist 25 und wohnt noch bei seinen Eltern. Er hat kein Geld für eine eigene Wohnung. Er erhält im Monat 100 Euro von der Sporthilfe, er ist bloß im B-Kader des Deutschen Ruderverbands. Hacker bekommt von der Deutschen Bundesbahn monatlich die Hälfte seines normalen Gehalts, dafür stellt die Bahn aber auch ihren Angestellten Hacker komplett frei. Auf Hackers Homepage jagen viele bunte Sponsorenlogos über den Bildschirm, das deutet breite Unterstützung an. Aber die Homepage betreut ein Bekannter von Hacker kostenlos, und was die Sponsoren bezahlen, ist „nicht viel mehr als ein Obulus“, sagt Hacker. Sein Trainer, Andreas Maul, arbeitet umsonst. Dafür benötigt Hacker für den Sport jährlich zwischen 60 000 bis 80 000 Mark. Boote und Skulls liefert eine Firma, aber seine Trainingslager in St. Moritz und Los Angeles bezahlt er selber.

Gut ist das alles nicht für einen Profi-Ruderer.

Hacker ist der beste deutsche Einer-Ruderer, er ist der große Favorit bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin an diesem Wochenende, bei der WM in Sevilla im September peilt er eine Medaille an, schließlich ist er ja auch Olympia-Dritter. Hacker sieht sich als der einzige echte Profi-Ruderer in Deutschland, und er entspricht dem Klischee des Einer-Ruderers. Und genau deshalb haben einige in der Szene Probleme mit ihm. Einer-Ruderer gelten als knorrige, verschlossene Einzelgänger; Peter-Michael Kolbe war so einer, Kolbe, der den Mund nicht aufgebracht hat. Hacker sagt: „Sicher habe ich eine Macke.“ Er weiß, dass er diesem Klischee entspricht. Das Klischee stört ihn nicht. Aber diesem Klischee, glaubt er, verdankt er seine schwierige finanzielle Situation. Und mit diesem Gedanken hat er sehr wohl ein Problem.

Hacker ist auch ein Einzelgänger, „mein Trainer und ich bilden eine Art Privatteam“, sagt er. In Trainingslager des Verbandes reist er nicht, „weil dort die Harmonie fehlt“, mit Bundestrainer Lothar Trawiel ist er zerstritten. 1999 verließ er den Trainer Trawiel und wechselte zu Maul. Aber Maul ist kein ausgebildeter Trainer, er ist ein Bootsmeister, der vier Jahre die australischen Boote betreut hat. Alles was mit den Booten zu tun hatte, erledigte er. Er hat dabei auf Regatten und im Training viel mit Cheftrainern geredet. So bildete er sich selber zum Trainer aus. Ein Autodidakt als Betreuer, aber Hacker führte er 2000 zu Olympiabronze. Aber bei der WM 2001 scheiterte Hacker bereits im Halbfinale, weil „ich im Kopf nicht frei war“. Er kollabierte im Ziel, und der Verband war entsetzt. Der Einer ist ein Prestigeboot. Und der Verband, so sieht es jedenfalls Maul, sah die späte Chance zur Rache. „Die sagten, da pfuscht ein Amateur an einem Paradeboot herum, das muss ja schief gehen“ 15 Rennen hatte Hacker in der Saison 2001 bestritten, 13 hat er gewonnen. Aber im Februar 2002 schrieb ihm der Verband, dass er in den B-Kader zurückgestuft werde. „Das war ein Schlag ins Gesicht“. sagt Hacker. Nach der Schlappe habe der Verband noch erklärt, er stehe weiter zu Hacker.

Der Verband verweist zur Erklärung natürlich auf die Bilanz, keine WM-Medaille, also kein A-Kader-Status mehr. Es geht vordergründig um Formalien, in Wirklichkeit wohl aber um tiefe gegenseitige Verletzungen. Hacke und Maul jedenfalls gehen noch mehr auf Distanz zum Verband. Die Bahn dagegen verlängerte nach der WM-Pleite ihren Vertrag mit Hacker bis 2004. Hacker fand diese Geste extrem nobel. „Ohne die Bahn könnte ich dieses Leistungsniveau nicht halten.“ Gut, sagt er, „fairerweise muss man sagen, dass der Verband 2002 noch 6000 Euro aus einem Sondertopf überwiesen hat“. Aber die Rückstufung in den B-Kader, die bleibt. „Und die tut weh.“

Die Geschichte mit dem B-Kader schreibt er natürlich nicht auf seine Homepage. Dort will er „professionell wirken, deshalb auch die Sponsoren-Logos. Man muss ja auch ein bisschen was bieten.“ Besser gesagt: vortäuschen. Dann halt „vortäuschen“. Hacker hat mit dem Wort kein Problem. Hauptsache, er findet Geldgeber. An Werbeflächen mangelt’s jedenfalls nicht: Boot und Skulls sind noch frei.

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