Wirtschaft : "Der Euro wird die Krisen verschärfen"

HEIK AFHELDT JOBST-HINRICH WISKOW

MARTIN FELDSTEIN ist einer der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler der Welt.Der US-Amerikaner lehrt an der Harvard-Universität in Boston und ist Präsident des National Bureau of Economic Research.Von 1982 bis 1984 war er Wirtschaftsberater von Präsident Ronald Reagan.Mit ihm sprachen Heik Afheldt und Jobst-Hinrich Wiskow.

TAGESSPIEGEL: Herr Feldstein, kommt mit dem Euro das Gute über Europa?

FELDSTEIN: Keineswegs.Der Euro vernichtet Anpassungsmöglichkeiten der einzelnen Volkswirtschaften.Damit verschärft er Krisen.Kein Land kann sich dann noch über veränderte nationale Zinsen oder nationale Wechselkurse anpassen.Langfristig wird der Euro deshalb die Arbeitslosigkeit in den Euro-Ländern erhöhen.

TAGESSPIEGEL: Aber in den USA gibt es doch auch nur eine einzige Währung.Wieso sollte das in Europa nicht klappen?

FELDSTEIN: Sie haben recht.In den USA haben wir eine Währung, und trotzdem haben wir eine sehr geringe Arbeitslosigkeit.Aber wir haben eine hohe Arbeitsmobilität.Als ich vor 25 Jahren anfing, diese Frage zu erforschen, hatten wir in den USA eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit wie in Europa.Unsere ist auf diesem Niveau geblieben, während die deutsche sich vervierfachte.Die strukturellen Gründe sind weitaus wichtiger als die konjunkturellen.Wenn es in den USA eine Krise gibt, dann sind die Beschäftigten viel mobiler.Das wird es in Europa nicht geben - wegen der unterschiedlichen Sprachen.Selbst wenn die qualifizierten Beschäftigten anderswo arbeiten werden: Der durchschnittliche Arbeitnehmer kann das nicht.

TAGESSPIEGEL: Treibt der Euro auch die Inflation in die Höhe?

FELDSTEIN: Nicht unbedingt.Das hängt nicht vom Euro ab, sondern von den Politikern.Die Europäische Zentralbank hat die Aufgabe - so steht es im Maastrichter Vertrag -, die Währung zu hüten und die Inflation niedrig zu halten.Aber ich bin wenig zuversichtlich nach den Aussagen europäischer Politiker in den vergangenen Wochen.

TAGESSPIEGEL: An wen denken Sie da?

FELDSTEIN: Natürlich an Oskar Lafontaine, der die Bundesbank ermahnte, auf eine Politik des billigeren Geldes einzuschwenken.Dominique Strauss-Kahn sagte das gleiche in Frankreich, Carlo Azeglio Ciampi in Italien.

TAGESSPIEGEL: Aber die Notenbanker haben doch deswegen nicht ihre Politik geändert.

FELDSTEIN: Aber die Politiker werden den europäischen Kurs in die Zukunft abstecken.Außerdem fehlt der Europäischen Zentralbank die Tradition der Deutschen Bundesbank.Diese hat einen guten Ruf in der deutschen Öffentlichkeit.Das macht die Bundesbank nur schwer angreifbar.Mit der Europäischen Zentralbank ändert sich das.Denn in den anderen Staaten ist die Zentralbank doch oft nur ein Anhängsel des Finanzministeriums.In vielen Ländern ist die Überzeugung, daß die Zentralbank unabhängig von der Regierung sein muß, nicht verbreitet.

TAGESSPIEGEL: Dazu kommt noch die Diskussion über festere Wechselkurse zwischen Dollar und Euro.

FELDSTEIN: Wir hören so etwas aus Europa, etwa über Zielzonen, in denen sich Währungen bewegen sollen.Gemäß dem Maastricht-Vertrag ist das nicht erlaubt.Politiker reden trotzdem darüber - jene, die ich vorhin genannt habe.Ich befürchte, irgendwann schaffen die Notenbanken es nicht mehr, dagegen anzukommen.

TAGESSPIEGEL: Wieso sind Wechselkursabsprachen denn gefährlich?

FELDSTEIN: Wechselkurspolitik ist Zentralbankpolitik.Sobald Sie einen wettbewerbsfähigeren Wechselkurs haben wollen, brauchen Sie eine Politik des billigen Geldes.Dann müssen Sie die Zinsen senken.Und dann bekommen Sie Inflation.

TAGESSPIEGEL: Finanzminister Oskar Lafontaine und Bundeskanzler Gerhard Schröder sprechen oft lobend vom amerikanischen Zentralbank-System.Es sei beweglicher und habe auch die Beschäftigung im Auge.

FELDSTEIN: Das ist nicht der entscheidende Unterschied.Vor allem nämlich ist die US-Notenbank Federal Reserve nicht immer unabhängig.Das kommt auf die jeweilige Regierung in Washington an: Die Notenbank muß dem Präsidenten gefallen.Präsident Jimmy Carter forderte in den 70er Jahren niedrigere Zinsen im Kampf gegen die Rezession, und er bekam sie.Das reichte für sechs Monate Aufschwung, aber dann zog die Inflation wieder an.Deshalb wurde Carter nicht wiedergewählt.Ronald Reagan wurde Präsident, und er setzte auf die Anti-Inflations-Politik.Er konnte sie durchsetzen, weil er sagte, er sei nicht verantwortlich für das Leid.Seitdem haben wir immer niedrigere Inflationsraten gehabt und keine Einmischung der Politik - weder von Reagan oder Bush noch von Clinton.Daher haben wir den Mythos einer unabhängigen Zentralbank.Aber die gibt es erst seit 1980, und wir wissen nicht, wie lange es noch so bleiben wird.

TAGESSPIEGEL: US-Notenbank-Präsident Alan Greenspan hat jetzt mehrmals die Leitzinsen gesenkt.Ist das ein Vorbild für Europa - besonders für Deutschland?

FELDSTEIN: Ihre Zinsen sind schon viel niedriger als unsere.Ich würde keine Auswirkungen auf die Konjunktur erwarten, wenn die Zinsen um ein paar Zehntelprozentpunkte sinken, wenn die Zentralbank die Zinsen von 3,3 auf drei Prozent senkt.Es wäre nicht schrecklich, denn Ihre Inflation und die Erwartungen sind sehr gut.Aber es würde wohl auch nichts bringen.

TAGESSPIEGEL: Ist die Inflation tot?

FELDSTEIN: Wenn etwas tot ist, kann es nie wieder auftauchen.Etwas Totes ist tot und hält nicht gerade mal Winterschlaf.Aber die Inflation ist niemals gestorben.

TAGESSPIEGEL: Viele Leute hierzulande scheinen den Kampf gegen die Inflation nicht mehr für sonderlich wichtig zu halten.Was würden Sie denen sagen?

FELDSTEIN: Inflation bringt nur Probleme mit sich.Es verzerrt alles in der Wirtschaft.Und es ernährt sich durch sich selbst und wird immer größer.Sie müssen es stoppen.Das ist sehr schmerzhaft.Wie weh es tut, sollte niemand unterschätzen.Wir haben das in den USA gespürt.

TAGESSPIEGEL: Die Märkte scheinen dem Euro gegenüber recht wohlwollend zu sein.Warum?

FELDSTEIN: Woher wollen Sie das wissen?

TAGESSPIEGEL: Mancher redet von der Weltwirtschaftskrise, viele Länder stecken in Schwierigkeiten.Aber die Finanzturbulenzen gingen an Euroland vorbei.

FELDSTEIN: Ich rede nicht von einer Weltwirtschaftskrise.Außerdem werden die Risiken des Euro erst langfristig herauskommen - in zehn Jahren vielleicht.Bis dahin dürfte sich die Europäische Zentralbank verwandelt haben, bis dahin herrscht in Europa Inflation.Die Märkte denken heutzutage noch nicht so weit.Heute haben die Optimisten das Heft fest in der Hand.Sie reden vom großen Markt, den der Euro schaffe.Sie reden von der schärferen Konkurrenz, die der Euro bringe.Ich sehe weder den plötzlich großen Markt noch die plötzlich schärfere Konkurrenz.Es interessiert mich in Berlin nicht, wie teuer dasselbe Produkt in Madrid ist.Und wenn ich Geschäftsmann bin, vergleiche ich sowieso die Preise, auch wenn ich dazu unterschiedliche Währungen umrechnen muß.Kein einziger Vorteil des Euro fällt wirklich ins Gewicht.

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