Wirtschaft : „Der Flächenbrand ist eingepreist“

Kriegsangst hat die Aktien längst fallen lassen – jetzt setzt die Börse auf einen schnellen Sieg der USA

Henrik Mortsiefer

Kaufen, wenn die Kanonen donnern!“ – Die zynische Empfehlung für Anleger angesichts eines drohenden Krieges lieferte der legendäre Bankier Nathan Rothschild während der napoleonischen Kriege. Rothschild nutzte das blutige Gemetzel Anfang des 19. Jahrhunderts, indem er auf die Kriegsgewinnler setzte und damit sein Familienvermögen vermehrte. Auch 200 Jahre später haben sich Investoren schon in Stellung gebracht, die auf eine Kriegsdividende an der Börse spekulieren. Rüstungsfirmen, Ölförderer, Goldminen – wer macht den besten Schnitt, wenn es am Persischen Golf kracht?

Anders als zu Rothschilds Zeiten lässt sich der Verlauf eines Krieges heute allerdings kaum noch vorhersagen. Und die jüngste Entwicklung nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 zeigt, dass auch die Kurse keineswegs so reagieren, wie es der gesunde Anlegerverstand vermutet: Statt ins Bodenlose zu stürzen, kletterten die Aktien unmittelbar nach den Anschlägen – und nach der Handelsunterbrechung an der Wall Street – kräftig. Erst nach dieser „patriotischen Hausse“ kippte der Markt und brach bis zum 21. September 2001 massiv ein. Anschließend setzte eine Kurserholung ein, die bis ins Frühjahr 2002 dauerte.

Doch die Anschläge trafen die Börsen wie ein Schock, auf den sich niemand vorbereitet hatte. Der Irak-Konflikt schwelt hingegen seit Monaten. Das erlaubt Aktienstrategen, sich mit verschiedenen Szenarien für alle Eventualitäten zu wappnen. Zudem hatte die Börse Zeit, einen möglichen Krieg in den Preisen zu berücksichtigen. Die Konsequenz: Die Aktien erholen sich nicht und verharren seit Wochen in der Nähe ihrer Tiefststände. „Der Markt hat schon eingepreist, dass es zu einem Flächenbrand im Irak kommt“, sagt Felix Schleicher von der Fiduka Depotverwaltung. Und auch für Morgan-Stanley-Analyst Byron R. Wien ist ein Militärschlag schon ausgemacht: „Nahezu jedermann hält einen Krieg gegen den Irak für unvermeidbar.“

Kann sich Geschichte wiederholen?

Doch bevor es nicht zu Kriegshandlungen kommt, bleibt die Lage unübersichtlich. „Die Börse hasst nichts so sehr wie die Unsicherheit“, sagt Felix Schleicher. So wird weiter spekuliert, ob es zu einem schnellen Sieg der USA oder doch zu einer langen Schlacht am Golf kommt. Die Optimisten hoffen, es werde so sein wie im Golf-Krieg 1991, als die Börse in Erwartung eines schnellen Erfolges der Alliierten mit starken Gewinnen auf den Kriegausbruch reagierte. Am 17. Januar 1991, dem ersten Kriegstag, hatte der Dax 7,5 Prozent auf 1422 Zähler zugelegt. Bis Ende Februar war er auf 1600 Punkte geklettert und damit wieder auf das Niveau vor der Krise. „Bush ist kein verrückter Cowboy“, hofft Vermögensverwalter Schleicher. Der Präsident wolle 2004 wiedergewählt werden und habe in Afghanistan gezeigt, dass die US-Armee „besonnen“ vorgehen könne.

Pessimisten warnen dagegen, die Lage sei kaum mit der damaligen Operation „Wüstensturm“ vergleichbar. Karl Weber vom Schweizer Bankhaus Vontobel, verweist auf das veränderte konjunkturelle Umfeld, das die Börse stärker als Anfang der 90er Jahre belaste: „Passiert etwas Dummes am Golf, werden die Verbraucher vor allem in den USA noch vorsichtiger.“ Breche aber mit dem privaten Konsum die Stütze der US-Konjunktur ein, „dann rutschen wir in eine globale Stagnation oder Schlimmeres“, sagt Weber. Weder die Notenbanken noch die verschuldeten Staaten könnten dies abfedern.

Ganz in die Defensive gehen die Strategen gleichwohl nicht. Fiduka-Experte Schleicher erinnert daran, dass viele Anleger 1990/91 zu lange gewartet hätten und erst eingestiegen seien, als die Kurse schon um 20 bis 30 Prozent gestiegen waren. Schleicher greift deshalb schon jetzt bei „spottbilligen Aktien“ schuldenfreier Unternehmen zu, die ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis aufweisen. Damit fühlt sich der Experte sicher – auch über den 27. Januar hinaus. Dann sollen die UN-Waffeninspektoren dem Sicherheitsrat einen Bericht über ihre Arbeit im Irak vorlegen. „Unmittelbar danach werden die USA aktiv.“

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