Wirtschaft : Der Glaube an den Greenback schwindet

Michael R. Sesit

Anleger, die auf permanent steigende Dollarkurse gesetzt hatten, sind zunehmend enttäuscht. Die Währung ist kontinuierlich zurückgegangen, seit die US-amerikanischen Aktienkurse gefallen sind und ausländische Anleger sich aus dem Rentenmarkt zurückgezogen haben. Händler und Anleger machen sich Sorge um die Stärke des Aufschwung in den USA.

Am vorletzten Montag ist der US-Dollar im Vergleich zum australischen Dollar auf seinen tiefsten Stand seit 15 Monaten und im Vergleich zum kanadischen Dollar auf seinen tiefsten Stand seit acht Monaten gefallen. In der vorvergangenen Woche fiel die US-Währung auf ihren tiefsten Stand seit sieben Monaten gegenüber dem Euro und auf ihren Tiefststand gegenüber dem Schweizer Franken seit September.

Der Dollar "sieht aus, als sei Arnold Schwarzenegger ihm über den Weg gelaufen und als habe er ihn windelweich geschlagen", meint David Gilmore, Partner bei der Beraterfirma Foreign Exchange Analytics, Essex, Connecticut. Ausschlaggebend für den jüngsten Kursrückgang des US-amerikanischen Dollars sind zunehmende Sorgen über das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten sowie das schwindende Vertrauen der ausländischen Investoren in die Glaubwürdigkeit der US-Gewinne infolge des Falles Enron und anderer Bilanzierungsskandale.

Vorletzte Woche haben drei große internationale Banken - BNP Paribas, UBS Warburg und ABN Amro - ihre Prognosen für den Dollar nach unten korrigieren müssen. Die Strategen bei BNP Paribas gehen zum Beispiel davon aus, dass der Euro zum Jahresende mit 98 US-Cents gehandelt wird. Zuvor war man dort von 86 Cents ausgegangen. Ian Stannard, Stratege bei BNP Paribas, bemerkt einen "großen Stimmungswechsel gegen den Dollar". Gegen den Trend notierte der Euro am späten vorletzten Montagabend in New York bei 91,07 US-Cents, im Vergleich zu 91,41 Cents am vorletzten Freitag. "Die Ära des starken Dollar ist vorbei. Der US-Dollar steht am Anfang eines langen Abwärtstrends, den die offiziellen Stellen in den USA nicht bekämpfen werden", sagt David Roche, Präsident der Londoner Beratungsfirma Independent Strategy. "Die US-amerikanischen Finanzanlagen sind nicht mehr so attraktiv wie die in Europa oder Japan und werden sogar noch weniger attraktiv, wenn die USA den Irak im Alleingang angreifen werden."

Dennoch sagen wenig Analysten einen freien Fall des Dollar voraus. So geht zum Beispiel nicht einmal David Roche von der Parität von Dollar und Euro zum Ende des Jahres 2003 aus. Das wäre zwar ein Zuwachs von 9,8 Prozent, die gemeinsame europäische Währung bliebe damit aber immer noch 15 Prozent unter dem Niveau ihres Einführungskurses am 1. Januar 1999.

Natürlich hat der US-Dollar immer noch Verteidiger. Händler und Anleger seien "übertrieben negativ in ihrer Haltung gegenüber dem Wirtschaftswachstum in den USA", sagt Jesper Dannesboe, Währungsökonom bei Dresdner Kleinwort Wasserstein in London. Bis September sieht die Bank den US-amerikanische Dollar wieder auf 82 Cents gegenüber dem Euro und 140 Yen ansteigen.

Strategen bei J.P. Morgan Chase führen außerdem an, dass der Dollar in den vergangenen drei Jahren viermal ähnlich gefallen sei, es sich aber jedesmal um einen kurzfristigen Rückgang gehandelt habe. Andere merken an, dass die Produktivität in den USA die in Europa und Japan weiterhin übertreffen werde und das Wachstum in beiden Regionen stark abhängig sei von Exporten in die USA. Außerdem sei Japan belastet mit einem von notleidenden Krediten aufgeblähtem Bankensystem und Deutschland, die größte Wirtschaft in der Eurozone, sei geplagt von Streiks und hohen Lohnforderungen. "Der Zufluss in US-Investmentfonds mag nicht so groß sein wie in den vergangenen Jahren, aber es wird noch viel Zeit vergehen, bis Deutschland und die Eurozone ein bevorzugter Ort sind, um Geld zu parken oder gar zu investieren", meint Gilmore von Foreign Exchange Analytics.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben