Wirtschaft : Der Kampf der Regionen um das tägliche Brot

ANDREW HIGGINS

Der Winter steht vor der Türe, die Lebensmittel werden knapper.Die Menschen in den Regionen Rußlands werden immer hungriger - machthungriger.Hinter den Befürchtungen, daß es in Rußland vielleicht nicht genug zu essen geben wird, steckt eine noch bedrohlichere Knappheit.Die zentrale Regierung hat nämlich nicht genug Macht, die Baumreihen und Hecken im Lande davon abzuhalten, sich in Grenzen zu verwandeln.Grenzen, die rivalisierende Fürstentümer und Möchte-gern Kleinstaaten voneinander trennen.

Eine von diesen aus dem Nichts entstandenen Grenzen ist eine Reihe von silbernen Birken, die den äußeren Rand von Irina Radinskajas Bauernhof markieren, eine ehemalige Kolchose 600 Kilometer südlich von Moskau.Der Boden ist so schwarz, als sei er mit dickem, dunklen Sirup getränkt, und so fruchtbar, daß Hitler ihn bei der Invasion ausheben und nach Deutschland schicken wollte.Die Ernte in diesem Jahr war zwar ärmlich, aber trotzdem noch so gut, daß Händler aus ganz Rußland Frau Radinskaja mit Anrufen bombardieren und sich nach dem Getreideertrag erkundigen.Sie berichtete von den 250 Tonnen Roggen, der seit mehr als zwei Monaten in einem Lagerhaus von den Ausmaßen eines Fußballfelds liegt.Die Gerste läge in einem Betonverschlag und die Sonnenblumen würden gerade geerntet.

Aber sie erzählte auch von der Reihe von Birken, dem Polizeiposten auf der nahegelegenen größeren Straße und von Iwan Schabanow, dem früheren kommunistischen Parteibonzen, der jetzt Gouverneur der Region ist.Ganz gleich, wie groß der Hunger in Moskau, Murmansk und anderen Städten wird, Frau Radinskaja kann nicht helfen.In einem Land, das wirtschaftlich schwer angeschlagen ist und den finanziellen Zusammenbruch zu bekämpfen versucht, finden die Russen nun politische Insekten, die die Nahrungskette infizieren und Moskau mit einem Ausschlag überziehen.Das ist nicht der leidenschaftliche Separatismus, der das Baltikum in den letzten Jahren der Sowjetunion zur Revolte und die Tschetschenen 1994 in ihren Kampf gegen Moskau trieb.Es ist der banale und oft dumme Trotz, der in der Sowjetunion groß gewordenen Fürsten, die das Brot billig, die Würste reichhaltig und ihre Interessen sicher halten wollen.

Das mögen bislang alles kleine Brötchen sein, aber die Angelegenheit selbst ist nicht harmlos.Die Gefahr, sagt Alexander Frolow, ein von Moskau bestellter Staatsanwalt in Woronesch, der fruchtbaren Region südlich von Moskau, ist, daß Rußland sich auflöst, sobald die lokalen Bosse ihre eigene Wirtschaftspolitik betreiben dürfen.

Die Bäume am Rande des Betriebes von Frau Radinskaja beschreiben auch die Grenze zur benachbarten Region Lipetsk.Bis vergangenen Monat hat weder sie noch sonst irgend jemand das beachtet.Woronesch und Lipetsk waren zwei Verwaltungsbezirke in einer Nation.Jetzt ist nicht mehr sicher, wer regiert.Die letzten Spuren der Sicherheit sind verschwunden, sagt Radinskaja, deren 123 Arbeiter fast 450 Rentner und Kinder unterstützen."Unsere Hosen wurden uns schon genommen, jetzt versuchen sie, uns auch noch ohne Unterwäsche dastehen zu lassen."

Die Regionen nehmen die Angelegenheiten in die eigenen Hände.Schabanow und mindestens vier weitere Gouverneure versuchen, Nahrungsmittel in ihrem Gebiet zu halten.Andere Gouverneure haben angekündigt, sie werden eine eigene Währung einführen, um die Rubel-Knappheit auszugleichen.Ein anderer hat aufgehört, Steuergelder nach Moskau zu überweisen, viele andere haben bereits gedroht, dasselbe zu tun."Diese Art von Kleinstaat-Mentalität muß auf jeden Fall gestoppt werden", sagte Premierminister Primakow bei einem Treffen mit regionalen Bossen."Sonst werden wir Rußland als einen Staat verlieren und unsere Nachkommen werden uns das nie verzeihen."

Staatsanwalt Frolow versucht in Woronesch, die zerbrechliche Einheit des Landes zu bewahren.Er verbringt seine Tage damit, eine Flut von lokalen Gesetzen und Anordnungen zurückzuschlagen, die "weder auf einem Gesetz noch auf gesundem Menschenverstand beruhen." Frolow hat beispielsweise eine Verordnung angegriffen, die alle Würstchen verbietet, die nicht lokal hergestellt wurden.Die Verordnung kam von einem Offiziellen, dessen Neffe eine Würstchenfabrik betreibt.Er hat auch die Versuche der regionalen Regierung bekämpft, ein eigenes Wodka-Monopol zu beschließen - zum Teil auch deshalb, weil der Versuch des regionalen Monopols den Markt mit manchmal tödlichem Selbstgebrannten überschwemmt hat."Wenn Sie am Leben bleiben wollen, trinken Sie keinen Wodka in Woronesch", sagt Frolow.

Die meisten Kopfschmerzen bereitet ihm aber der Erlaß Nummer 890, der Grundstein dessen, was Kritiker spöttisch als die Woronesch-Mauer bezeichnen.Das Dokument, unterzeichnet von Schabanow, trägt den Titel: "Maßnahmen, um die Nahrungsmittelversorgung in der Region zu gewährleisten." Dieses Dokument verwandelte die Bäume am Rande des Grundstücks von Frau Radinskaja in so etwas wie eine nationale Grenze.Die Anordnung macht aus jedem, der Nahrungsmittel über diese Grenze bringt, einen Schmuggler.Sie verlangt von den Sicherheitskräften, alle Lastwagen und Eisenbahnwaggons, die Getreide oder andere lebenswichtige Güter ohne Lizenz mit sich führen, zu stoppen.

Wie die meisten russischen Anordnungen wird auch dieser Erlaß nur stellenweise befolgt und Vergehen dagegen nur teilweise geahndet.Geschäftsmänner aus der Region prägten den Spitznamen "der 150-Rubel-Erlaß": das Bestechungsgeld von umgerechnet etwa 11,50 US-Dollar, mußten sie angeblich zahlen, um durch die Polizeikontrollen zu kommen.Doch die Nahrungsmittel-Verordnungen basieren auf echten Ängsten.So wie andere Regionen, die eigentlich die Kornversorgung Rußlands sicherstellen, hat Woronesch unter einer schweren Dürre gelitten.In ganz Rußland ist die Ernte in diesem Jahr nur halb so groß wie 1997.Rußland hat deshalb bei anderen Staaten um Nahrungsmittelhilfe ersucht und eine Notfall-Nahrungsmittelreserve eingerichtet.Die Ernte in Woronesch hat sich um ein Drittel verringert.Der Zusammenbruch des Rubels hat weiteres Unheil ausgelöst, Importe können nicht mehr bezahlt werden.

Barrieren der regionalen Regierungen, haben, obwohl sie oft durchbrochen werden, Proteststürme von verarmten Teilen Rußlands hervorgerufen.Diese Regionen sind auch in guten Jahren anfällig für Lebensmittelknappheit."Wenn sich diese Restriktionen einbürgern, wird das das Ende für uns im Norden sein", sagt Boris Misnik, Vorsitzender einer parlamentarischen Kommission, die sich um die Belange von zwölf Millionen Russen kümmert, die in dieser abgeschiedenen nördlichen Region leben."Wir sind jetzt schon am Rande des Zusammenbruchs".Rußland hat ebenfalls die rote Karte gezogen und Staatsanwälte über das ganze Land geschickt, die lokale Verordnungen prüfen und einschreiten sollen, wenn diese Maßnahmen dazu führen könnten, daß das Land in viele autonome Gebiete zerfällt.Die Gegenattacke hatte Erfolg, zumindest auf dem Papier.Viele Gegenden haben die lokalen Restriktionen gelockert, können aber immer noch eine Armee von Steuereintreibern, Verkehrspolizisten, Gesundheitsinspektoren und anderen Offiziellen mobil machen, um sicherzustellen, daß ihre eigenen Interessen gegen entweder die des Marktes oder die von Moskau durchgesetzt werden.

Alles in allem ist es kein Disput über Flaggen oder Embleme, sondern über etwas ganz einfaches - Brot.Während sich die Preise für viele Nahrungsmittel fast verdoppelt haben, sind sie für Brot in Woronesch gleich geblieben.Warum? "Wenn es kein billiges Brot gibt", sagt Viktor Degtjarew, Marketing Direktor der örtlichen Brotfabrik, "dann gibt es auch keine Regierung".

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