Wirtschaft : Der Kohlestreit wird heißer

RWE-Chef Harry Roels bringt RAG-Chef Werner Müller und seine Börsenpläne arg in Bedrängnis

Jürgen Zurheide

Essen - Der Börsengang der RAG führt zu einem Machtkampf auf offener Bühne. RWE-Chef Harry Roels stellt sich vehement gegen RAG-Chef Werner Müller, weil er um seinen unternehmerischen Einfluss nach einer Neuordnung des ehemaligen Kohlekonzerns fürchtet. Das belegen interne Papiere, die dieser Zeitung vorliegen. Mit dieser Taktik spielt Roels Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) in die Hände, der Müller als Vorsitzenden einer neuen Kohlestiftung verhindern will. Unklar ist, ob der RAG-Börsengang angesichts dieses Konflikts noch gelingen kann – oder ob nur die Zerschlagung des Mischkonzerns mit den Sparten Kohle, Chemie und Immobilien bleibt.

Wer dieser Tage zwischen Düsseldorf und Essen über die Person Werner Müller spricht, hört immer wieder diesen einen Satz. „Der Mann ist anfällig für Verdächtigungen.“ Aus Politikermund kommen dann Beispiele, wie er mal Jürgen Rüttgers und dann auch dessen Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) brüskiert hat. Da der Düsseldorfer Regierungschef ein gutes Gedächtnis hat, vergisst er Müller die Wahlhilfe für die SPD vor zwei Jahren nicht. Unter den Ruhrbossen hat Müller ebenfalls nur wenige Freunde. Er redet gerne Klartext, zudem fühlen sie sich bei seinen weitreichenden Plänen für die Neuordnung der RAG nicht immer gut informiert.

Vor diesem Hintergrund gedeihen die jüngsten Attacken von RWE gegen Werner Müller prächtig. Weil viele wissen, dass der Essener Kohleboss gerne eigenmächtig vorprescht, gibt es offenen und verdeckten Beifall für die kritischen Fragen der RWE an Müller. „Wenn die Vorwürfe zutreffen, dass Müller eigenmächtig gehandelt hat, ist das kein Kavaliersdelikt“, sagt Harry Roels, der Noch-RWE-Chef. Hinter vorgehaltener Hand sind die Urteile härter: Müller hat seine Pflichten verletzt, glauben Verantwortliche bei RWE.

Die RWE-Vertreter im RAG-Aufsichtsrat fühlen sich nicht ausreichend über einen Deal Müllers informiert. Der hatte einen Optionsvertrag mit dem Stahlkonzern Arcelor Mittal geschlossen und ihm zugesagt, Saar Ferngas übernehmen zu können, wenn das Kartellamt bei seinem Nein zu einem Verkauf an RWE bleibt. Genau das wird geschehen, und damit könnte Mittal an der Saar einsteigen, RWE ginge leer aus.

Nun wird die Geschichte des Kartellamts, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, mit Hinweisen auf den Einfluss Müllers angereichert, der der Bonner Behörde bei der Entscheidungsfindung gegen RWE behilflich gewesen sein soll. Solche Spekulationen sind freilich gewagt: Das Verhältnis des Ex-Wirtschaftsministers Müller zu den Wettbewerbshütern gilt als zerrüttet, seit er die Fusion von Eon und Ruhrgas in seiner Amtszeit gegen den ausdrücklichen Willen der Bonner Behörde absegnete.

Im Kern führen solche Spekulationen in die Irre. Es geht beim Machtkampf weniger um Personen und Aktienrecht, im Mittelpunkt steht das Geschäft. Und RWE fühlt sich benachteiligt, was Harry Roels in aller Deutlichkeit aufgeschrieben hat. In einem Brief an Werner Müller, der dieser Zeitung vorliegt, gibt er grünes Licht für den Börsengang der RAG, wenn einige Bedingungen erfüllt sind. „Allerdings halten wir es zur Absicherung unseres dann entfallenden unternehmerischen Einflusses auf der Holding-Ebene der RAG für erforderlich, die zwischen uns abgeschlossene Eckpunktevereinbarung zügig umzusetzen“, schreibt Roels und verlangt, neben dem Kauf von Saar Ferngas, auch einen 25-Prozent-Anteil an der RAG-Kraftwerkstochter Steag. Doch dieses Geschäft ist im vergangenen Jahr aus unterschiedlichen Gründen nicht zustande gekommen, bei Saar Ferngas legt sich jetzt das Kartellamt quer. Bevor nun RWE gänzlich leer ausgeht, schießen die RWE-Verantwortlichen gegen Müller und schieben ihm die Schuld zu.

Jetzt stellt sich die Frage, wie der Konflikt gelöst werden kann. Normalerweise hilft die Politik, die Kontrahenten zu versöhnen, doch diese Tür ist nicht offen. Jürgen Rüttgers hat sich ebenfalls gegen Müller positioniert und sekundiert RWE. In Berlin lobt er den RAG-Börsengang, führt in Düsseldorf aber Gespräche über eine Zerschlagung. Er scheidet als Schiedsrichter aus.

Die Hauptlast der Verantwortung liegt damit bei den anderen RAG-Anteilseignern, Eon und Thyssen-Krupp. Aus dem Haus des Stahlkonzerns werden die Spekulationen und Attacken gegen Müller nicht befeuert, und auch Eon-Chef Wulf Bernotat sucht einen Ausweg. Er hat einer Düsseldorfer Kanzlei die Frage gestellt, ob der RAG-Vorstand seine Pflichten verletzt habe. Er wartet noch auf eine Antwort. Bejahen die Anwälte, müsste der gesamte RAG-Vorstand zurücktreten. Mithin wäre das Unternehmen in der Umbruchsituation kopflos, der Börsengang gescheitert. Sollten die Juristen Müller Recht geben, wäre etwas anderes erreicht: Harry Roels könnte sich zurücklehnen und seinen Aktionären sagen, er habe bis zuletzt für ihre Interessen gekämpft.

Dass er dabei Porzellan zerschlagen hat, ist auch dem eigenen Aufsichtsrat aufgefallen. „Er möchte noch einmal zeigen, was eine Harke ist“, heißt es in dem Gremium. Längst denken die Herren darüber nach, den anvisierten Wechsel zu Roels-Nachfolger Jürgen Großmann zu beschleunigen – bevor der eigenmächtige Holländer weiteren Streit anzettelt.

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