Wirtschaft : Der Leidenschaft folgen

Thomas Hundt, Sohn des Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt, hat sich früh gegen den Einstieg in die familieneigene Firma entschieden. Gerade die Kinder berühmter Väter streben oft danach, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen

Diana Fröhlich
Erfolgreicher Sohn. Thomas Hundt führt eine Kommunikationsagentur. Foto: Promo
Erfolgreicher Sohn. Thomas Hundt führt eine Kommunikationsagentur. Foto: Promo

Der eine fest entschlossen, der andere tief enttäuscht: Das ist keine besonders gute Konstellation für ein gemütliches Familienessen am Samstagabend. Dabei war der eine, der Sohn, extra aus München angereist, wo er seit rund einem Jahr Maschinenbau studierte. Doch Thomas Hundt, damals Anfang 20, wollte dem anderen, seinem Vater Dieter, endlich etwas Wichtiges mitteilen – etwas, dass das Gleichgewicht zwischen den beiden zumindest für eine gewisse Zeit ins Wanken bringen sollte: Thomas hatte andere Zukunftspläne als sein Vater.

Bei der jüngeren Generation reifen oft Träume, die jene der älteren gefährden. Die Erfahrungen, die der Topmanager Dieter Hundt dabei gemacht hat, sind keine Ausnahme. Kinder großer Väter, die im Schatten dieser Lichtgestalten aufwachsen, entscheiden sich nicht selten für einen anderen Lebensweg – und gründen etwa ihre eigenen Unternehmen.

Albert, der Sohn des Hoteliers Egon Steigenberger, ließ sich schon früh sein Erbe ausbezahlen. Ihm gehören heute eine Handvoll Bahnhofsblumenläden in Nordrhein-Westfalen. Christoph, der Sohn von Metro-Vorstandschef Eckhard Cordes, hat 2009 einen Online-Möbelversand gegründet. Und Daniel, der Sohn des SAP-Mitgründers Dietmar Hopp, ist Geschäftsführer einer Multifunktionshalle in Mannheim. „Die Kinder solch starker Väter stehen oft unter großer Beobachtung und im Zentrum eines Karussells aus hohen Erwartungen“, sagt Arist von Schlippe, Psychologe und Professor an der Universität Witten-Herdecke. „Wenn der Druck zu groß wird, brechen viele aus.“

Als Thomas Hundt seinem Vater erzählte, dass er das Studienfach wechseln wird – Architektur statt Maschinenbau –, da wusste der Chef des schwäbischen Automobilzulieferers Allgaier Werke, dass er sich einen anderen Nachfolger suchen muss. Dieter Hundt hatte die Worte zwar nie so explizit ausgesprochen, doch er hatte gehofft, dass sein Sohn irgendwann einmal das Familienunternehmen in Uhingen nahe Stuttgart übernimmt.

Und zunächst hatte auch alles danach ausgesehen. Thomas war ein sehr guter Schüler, interessiert zwar an Kunst und Kultur, dennoch froh, dass ihm die Entscheidung, was nach dem Abitur mal aus ihm werden sollte, weitestgehend abgenommen wurde. Die angestrebte Nachfolgeregelung innerhalb der Familie – der Vater übergibt an den Sohn – war so klar, dass man gar nicht darüber reden musste. Thomas ging nach München und studierte Maschinenbau.

Doch zwei, drei Semester später wollte er mit dem Vater über seine Zukunft sprechen, ihm erklären, was ihn wirklich antreibt. Und das war nicht die Aussicht auf den Chefposten bei den Allgaier Werken, einem Zulieferbetrieb, der rund 250 Millionen Euro Umsatz pro Jahr macht. Nein, Thomas Hundt wollte Architekt werden, kreativ sein, gestalten. Für den Vater, den Unternehmer und Arbeitgeberpräsidenten, war das zunächst ein kleiner Schock. Das Familienessen endete in hitzigen Diskussionen, Dieter Hundts Frau wurde kurzfristig zur Vermittlerin.

Thomas Hundt sah zwar die Enttäuschung des Vaters – er war aber bereits fest entschlossen, das Studienfach zu wechseln. Er habe seinen Vater trotzdem immer für das bewundert, was er geschaffen hat, sagt er. Irgendwann könne er sich sogar vorstellen, aktiver Gesellschafter zu sein. Aber nicht Geschäftsführer.

Wenn sich die eigenen Kinder ganz bewusst gegen die Nachfolge entscheiden, kann das mehrere Gründe haben – meist jedoch wollen sie als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen werden, lieber ein kleines Original sein als eine große Kopie. So auch Thomas Hundt. Auf die Frage, ob er der Sohn des berühmten, in der Öffentlichkeit sehr präsenten Arbeitgeberpräsidenten sei, antwortete er früher : „Nein, ich bin es selbst.“

Heute ist der 43-jährige Vater von vier Söhnen Inhaber einer Agentur für Kommunikation, er hat rund 40 Angestellte, macht fünf Millionen Umsatz pro Jahr – in seiner Branche hat er einen Namen.

Er ist auch ein anderer Typ als sein Vater. Thomas Hundt, blau-weiß gestreiftes Hemd, hat die Ärmel hochgekrempelt, die blaue Jeans ist etwas zu weit, dazu trägt er schwarze Turnschuhe. Seine Büros erinnern an die Lofts der Kreativen in Berlin-Mitte. Die Agentur „Jangled Nerves“ hat er in einer ehemaligen Miederwarenfabrik untergebracht. Statt Tapeten hat er Kreidetafeln an die Wände montieren lassen, der Teppich ziert nicht den Boden, sondern als Schallschutz die Decke des Besprechungszimmers.

Seine Mitarbeiter sind Architekten, Cutter, Redakteure – er legt Wert darauf, dass hier Ideen entstehen und nicht nur verwaltet werden. Sein Vater kommt ab und zu vorbei, gibt Rat bei steuerlichen Fragen, guckt in die Bilanzen, schaut sich die Modelle für Ausstellungen an, die der Sohn mit seinem Team entwirft. Wenn Thomas ihn einlädt, nimmt er gerne an. Mehr aber nicht.

Mittlerweile beschäftigt auch die Wissenschaft die Frage, wie Deutschlands Unternehmerkinder heute ticken. In einer Studie hat Reinhard Prügl, Professor an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, herausgefunden, dass die Senioren vermehrt den Wunsch der eigenen Kinder nach mehr Selbstverwirklichung akzeptieren, deren Talente erkennen und respektieren. Unternehmerkinder im Alter zwischen 16 und 35 Jahren hat Prügl befragt. Das Ergebnis überrascht: Während frühere Generationen häufig gar nicht die Wahl hatten, sich gegen den Eintritt ins Familienunternehmen zu entscheiden, werden die meisten heute sogar dabei gefördert. 70 Prozent der Eltern haben aus Sicht ihrer Kinder vollstes Verständnis dafür, wenn sich der Nachwuchs für ein eigenes Unternehmen entscheiden würde, nur acht Prozent würden es ablehnen. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass ihre Eltern wollen, dass sie den eigenen Leidenschaften nachgehen – nur 29 Prozent der Eltern erwarten die Nachfolge im eigenen Unternehmen.

Doch woran liegt es, dass Familienunternehmer heute die Entscheidung des Nachwuchses gegen die Nachfolge nicht nur akzeptieren, sondern auch respektieren? „Sie wissen, dass ihre Kinder fachlich deutlich besser ausgebildet sind als das früher der Fall war“, sagt Brun-Hagen Hennerkes, der Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. Die Unternehmerkinder von heute sprechen in der Regel mehrere Sprachen, haben in aller Welt studiert, den Horizont erweitert – und das merken die Eltern. Sie sind offener geworden, toleranter, wissen um die Vielzahl der Chancen.

Und auch Dieter Hundt hat die Entscheidung seines Sohnes verinnerlicht – wenn auch nicht sofort. Er hat sich seinen Sprössling im Anschluss an das Familienessen mehrfach zur Seite genommen, die beiden haben viele Gespräche geführt. Der Entschluss des Sohnes war für ihn zunächst noch ein Fehler, doch am Ende hat er ihn mitgetragen, auch im Interesse der Allgaier Werke: „Diesen Job muss derjenige machen, der nicht nur das fachliche Wissen und die Qualifikation hat, sondern auch mit der inneren Begeisterung dabei ist. Wenn die fehlt, dann muss man es lassen“, sagt er heute.

Thomas Hundt ist froh darüber, für ihn gab es ohnehin nie einen Weg zurück. Dafür hat ihm die Architektur immer viel zu sehr am Herzen gelegen. Und noch etwas hat er von seinem Vater: „Ich bin genauso starrköpfig wie er.“ (HB)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben