Wirtschaft : Der Ölpreis steigt – die Stimmung sinkt

Ein Barrel Öl kostet fast 45 Dollar / Maschinenbauer: Kanzler soll im Fall Jukos an Moskau appellieren

Henrik Mortsiefer

Berlin - Der rasante Anstieg des Ölpreises hat zu einem Kursrutsch an den Börsen geführt und schürt die Angst vor einem Rückschlag für die Konjunktur. Während am Terminmarkt Rohöl am Freitag so viel wie in den 80er Jahren kostete, sackten die Aktienkurse deutlich ab. Der Dax verlor 2,65 Prozent auf 3727,74 Punkte. Die wichtigsten Börsenindizes in den USA schlossen auf Jahrestiefstständen – auch wegen der Entwicklung am US-Arbeitsmarkt. Seit Anfang des Jahres ist Öl um 30 Prozent teurer geworden. Die deutsche Wirtschaft beobachtet dies mit wachsender Sorge.

Wie schon an den Vortagen trieben Spekulationen, die Ölproduzenten könnten angesichts der hohen Nachfrage in Lieferschwierigkeiten geraten, den Ölpreis an. Befürchtet wurde, dass sich die politischen Unsicherheiten im Nahen Osten und in Südamerika verschärfen und sich das Chaos um den russischen Ölkonzern Jukos, der täglich zwei Prozent zur weltweiten Ölförderung beiträgt, ausweiten könnte. In der Nacht zum Freitag sorgte zudem ein Brand in einer Öl-Raffinerie in Texas für weiteren Preisauftrieb.

Zeitweise erreichte Öl zur Auslieferung im September in New York den Rekordstand von 44,77 Dollar, bevor er sich im Verlauf auf 43,90 Dollar verbilligte. „Die Aktienmärkte sind derzeit völlig von der Ölpreisbewegung abhängig, wenn dann noch die kleinste Ungereimtheit, egal welcher Art dazukommt, führt dies zu deutlichen Abschlägen“, kommentiert Helaba Trust. Öl und neue Terrorwarnungen hätten „die hoffnungsvollen Ansätze einer Stimmungsverbesserung zunichte gemacht“, meinen die Analysten der Bankgesellschaft Berlin.

Verwiesen wird vor allem auf das Justizchaos um Jukos. Am Mittwoch hatte ein Gerichtsvollzieher die Freigabe eines Teils der Jukos-Konten zur Finanzierung des Tagesgeschäfts und der Exporte genehmigt. Nur einen Tag später wurde die Freigabe jedoch vom Justizministerium wieder zurückgenommen. Ein Moskauer Gericht erklärte am Freitag die Beschlagnahme von Jukos-Konten für unrechtmäßig. Unsicher ist nun, wie lange Jukos das operative Geschäft noch aufrecht halten kann. Sollte der Konzern zahlungsunfähig werden, sehen Fachleute den Export von 400000 Barrel pro Tag kurzzeitig in Gefahr. Die Jukos-Aktie stürzte an der Moskauer Börse erneut ab.

In der deutschen Wirtschaft wurden am Freitag Stimmen laut, die im Fall Jukos eine Intervention der Bundesregierung forderten. „Wir würden es begrüßen, wenn der Bundeskanzler seine guten Beziehungen nach Moskau nutzen und einen Appell an die russische Regierung richten würde“, sagte Olaf Wortmann, Konjunkturexperte des Maschinenbauverbands VDMA, dem Tagesspiegel. Der von stark gestiegenen Stahl-, Kunststoff- und Alumiumpreisen abhängige Maschinenbau spürt auch den hohen Ölpreis. Gravierender sind aber die Folgen beim Auftragseingang, weil viele Kunden wegen des teuren Öls zurückhaltender geworden sind. „Der Spielraum für Zuwächse wird kleiner“, sagte Wortmann. Die steigende Nachfrage aus den Ölländern könne dies nicht kompensieren.

Für den Bundesverband der Deutschen Industrie ist die konjunkturelle Lage durch den Ölpreis inzwischen „stark risikobehaftet“. BDI-Ökonom Reinhard Kudiss sagte dieser Zeitung, dass trotz der Opec-Versprechung „die Fördermenge kurzfristig kaum zu steigern ist“. Auch die Autoindustrie sieht Gefahren. VDA-Präsident Bernd Gottschalk bekräftigte Aussagen vom Wochenanfang, wonach die Kombination aus Ölpreisanstieg und Ökosteuer die Konjunktur weiter ausbremse.

Würde Öl im Jahresschnitt um 35 Dollar kosten, hätte dies Konjunkturexperten zufolge gravierende Folgen für die Volkswirtschaft. Die Wirtschaftsforschungsinstitute hatten im Frühjahr bei ihrer Wachstumsprognose von 1,5 Prozent für 2004 noch einen Preis von 30 Dollar ab Mitte des Jahres unterstellt. mit dpa

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