Wirtschaft : Der Osten kommt: Vom Dampfschiff zur Windkraft

Sonja Niemann

Wer das Büro des Sket-Geschäftsführers Dirk Pollak betritt, schaut zuerst auf eine kleine Statue. Nein, es ist nicht Ernst Thälmann, der da grüßt, sondern ein namenloser Schmied: Symbol des Maschinenbaus. Auch sonst hat die im Jahr 1997 gegründete Firma Sket Maschinen- und Anlagenbau GmbH, kurz genannt Sket-Mab, nichts mehr gemein mit dem ehemaligen "Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann" - dafür stand einst die Abkürzung Sket. Nur der Standort Magdeburg auf dem Südteil des ehemaligen Werksgeländes ist geblieben, und der Name. "Der Tradition wegen", sagt Dirk Pollak. Im Firmenprospekt der neuen Firma Sket ist zu lesen: "Sket, das ist einer der traditionsreichsten und renommiertesten Namen im deutschen Maschinenbau. Die Phase des wirtschaftlichen Umbruchs in den neuen Bundesländern konnte dieses Bild nur vorübergehend trüben." Dies dürfte eine leichte Untertreibung sein. Das riesige Kombinat, in dem zu DDR-Zeiten bis zu 30 000 Menschen arbeiteten, wurde nach der Wiedervereinigung zu einer der schmerzvollsten und spektakulärsten Unternehmenspleiten. Das neue, privatisierte Unternehmen dagegen ist eine wachsende mittelständische Firma. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Maschinenbau seit 1838

Der Standort Magdeburg begründete seine Tradition im Maschinenbau im Jahr 1838. Da entstand die "Magdeburger Dampfschifffahrt-Compagnie". 1855 ging sie in die "Maschinenfabrik und Schiffbauwerkstatt Gruson" über, die 1891 in den Krupp-Konzern eingegliedert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem ein Großteil des Werkes komplett zerstört wurde, sollte an gleicher Stelle schließlich einer der größten Arbeitgeber der DDR entstehen. Im 1969 gegründeten Schwermaschinenkombinat "Ernst Thälmann" arbeiteten 30 000 Menschen in 18 über die DDR verstreuten Betrieben, davon allein 12 000 in der Stadt Magdeburg. Sket produzierte Walzwerkanlagen, Zementwerke, Kabel- und Verseilmaschinen, Drahtzieh- und Webmaschinen, Speiseölmaschinen und metallurgische Kräne und exportierte primär in die sowjetischen Bruderländer. Das Werksgelände in Magdeburg war so groß wie ein ganzer Stadtteil. Zum Kombinat gehörten Kindergärten, Schulen und Kneipen.

Doch mit dem Zusammenbruch des Sozialismus verschwanden auch die Hauptabnehmer der Sket-Maschinen: Die Staatsunternehmen im Osten. Tausende von Menschen verloren ihre Arbeit, Sket schrieb Verluste in Millionenhöhe, Geschäftsführer kamen und gingen, Sanierungskonzepte wurden geschrieben und scheiterten, und die Treuhand steckte mehr als eine Milliarde Mark in das Unternehmen. Als Sket 1996 schließlich in Konkurs ging, arbeiteten dort nur noch 1200 Menschen.

Dirk Pollak war einer von ihnen. Der jugendlich wirkende Manager ist Anfang 40 und Sket ist ein zentraler Bestandteil seines Lebens. Er ist geboren und aufgewachsen in Magdeburg, und schon sein Vater verdiente bei Sket sein Geld. 1975 begann auch Dirk Pollak dort seine Schlosserlehre. Nach einem Ökonomiestudium kehrte er zu seiner Lehrfirma zurück und wurde Assistent des letzten Sket-Geschäftsführers vor dem Konkurs. "Sket war in der Form nicht mehr zu retten", sagt Dirk Pollak nüchtern. Die Sket-Mitarbeiter seien völlig demotiviert gewesen, ein verständliches Verhalten: "Jeder wusste, er könnte der nächste sein, der gehen muss". Prognostizierte Umsatzziele wurden verfehlt, ein überzeugendes Rettungskonzept war nicht in Sicht. Nach dem Konkurs im Jahr 1996 wurde Sket in fünf kleine Gesellschaften zerschlagen, quasi " Mini-Skets", die einzeln verkauft wurden.

Die Sket Maschinen- und Anlagenbau GmbH war und ist die größte davon, galt aber aufgrund der schlechten Auslastung als besonderes Problemkind. Erst 1998 konnte die Firma privatisiert und an zwei Investoren aus Ostfriesland verkauft werden. Die überließen Dirk Pollak den Chefsessel. Mit anfangs 170 Mitarbeitern - davon rund 90 Prozent "Alt-Sketler" - fing er an, das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu steuern. In den vergangenen Jahren ist die Mitarbeiterzahl auf insgesamt 370 gewachsen, Prognose: weiter steigend. Im Jahr 2000 machte Sket knapp 70 Millionen Mark Umsatz, Prognose: ebenfalls weiter steigend, bis 2003 möchte Sket um rund 25 Prozent zugelegt haben. Etwa die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet derzeit der Windenergieanlagenbau.

Ein neues Geschäftsfeld, dass die neuen Eigentümer auf den Weg brachten: Sket-Gesellschafter Aloys Wobben ist Geschäftsführer der Firma Enercon GmbH in Aurich, und die ist deutscher Marktführer auf dem Gebiet der Windkraftenergie und wichtiger Kunde von Sket. Angst, dass die Windenergie wieder an Bedeutung verliert, hat Pollak nicht: "Wir sind ein flexibles Unternehmen, das sich auch auf neue Bedingungen einstellen kann." Mit den anderen vier kleinen Gesellschaften, die aus der Sket-Zerschlagung hervorgegangen sind, teilt die Sket-Mab nur noch den Namen: Es gibt eine Sket EDV GmbH, die von der dänischen Cimbria AG gekaufte Sket Ölsaatentechnik, den Sket-Verseilmaschinenbau und die Sket Walzwerktechnik. Alle haben ihren Sitz im Südteil des ehemaligen Sket-Werksgeländes, alle schreiben schwarze Zahlen und beschäftigen zusammen etwa 250 Menschen. Der Nordteil ist weiterhin verwaist.

Neues Logo - mehr Schwung

Dirk Pollak selber hat keinen großen Wert darauf gelegt, den Namen Sket beizubehalten. Doch die Fachleute aus der Marktforschung warnten ihn vor leichtfertigen Änderungen: Trotz der Pleite des alten DDR-Kombinats stehe der Name Sket nun mal für langjährige Tradition im Maschinenbau. Stattdessen hat Pollak nur das Sket-Logo modernisiert: von hellblau zu dunkelblau, etwas runder und geschwungener.

Kosmetik allein reicht aber nicht. "Ich möchte, dass man stolz darauf ist, bei Sket zu arbeiten", sagt Pollak. Dies versuche er auch seinen 30 Auszubildenden zu vermitteln. Gute Facharbeiter seien schwer zu finden, trotz einer Arbeitslosenquote in Magdeburg von rund 20 Prozent. Und auch deswegen hat Pollak den Ehrgeiz, zum beliebtesten Ausbildungsbetrieb in Magdeburg zu werden.

Dirk Pollak ist ein Mensch, der selten "Ich" sagt, wenn er über seinen Betrieb spricht, sondern fast immer "Wir". "Es ist sehr wichtig, dass man sich mit dem Unternehmen identifiziert. Alle müssen das Gefühl haben, für ein gemeinsames Ziel zu arbeiten." Dies ist für ihn das Geheimnis eines unternehmerischen Erfolges. Leicht sei es nicht, dieses Identifikationsgefühl wieder zu vermitteln, sagt er. Aber nicht umsonst heißt der neue Slogan von Sket: "Wir machen das."

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