Der Securitas-Chef im Interview : "Flüchtlingsunterkünfte sind langweilig"

Seit der Flüchtlingskrise bekommt die Sicherheitsbranche viel Aufmerksamkeit. Securitas-Chef Manfred Buhl spricht im Interview über den Personalmangel, die Ausbildung und den Einsatz am Flughafen BER.

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Manfred Buhl ist seit mehr als 25 Jahren im Sicherheitsgewerbe tätig.
Manfred Buhl ist seit mehr als 25 Jahren im Sicherheitsgewerbe tätig.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Buhl, allein in Berlin sucht Securitas 700 Mitarbeiter. Warum ist es so schwer, Personal zu finden?

Ein Grund ist der demografische Wandel, ein anderer die Bezahlung: Sich jeden Morgen für zehn, zwölf Euro pro Stunde zu motivieren, und dafür auch noch nachts und am Wochenende zu arbeiten, ist nicht so leicht. Da muss man den Job sehr gerne machen oder nicht die Voraussetzungen mitbringen, einen besser bezahlten zu finden.

Warum bezahlen Sie denn nicht besser?

Dass in der Sicherheitsbranche niedrige Löhne gezahlt werden, liegt nicht an Securitas. Wir waren für den Mindestlohn.

Aber?

Der Markt bestimmt den Preis – und leider wählen viele Kunden den billigsten Anbieter. Gerade in Berlin ist das ein großes Problem.

Wenn Sie nicht mit gutem Geld werben können, womit dann?

Wir zahlen Tarif und darüber. Wir versuchen mit Aktionen und Werbekampagnen zu zeigen, dass wir durchaus ein attraktiver Arbeitgeber sind. Und wir haben uns zum Beispiel an dem Projekt Mobi Pro EU beteiligt.

Mit dem Jugendliche aus anderen europäischen Ländern in Deutschland leichter eine Ausbildung machen können.

Genau. In Spanien oder Griechenland bekommen viele junge Menschen keinen Ausbildungsplatz oder Job. Hier in Deutschland suchen wir nach Nachwuchs. So ein Projekt kann den Fachkräftemangel aber nur lindern.

Spüren Ihre Mitarbeiter die Personallücke?

Klar merken sie die.

Das heißt: Viele Sicherheitsmänner sind überarbeitet?

Wir führen regelmäßig Mitarbeiterbefragungen durch und natürlich gibt es eine Menge Kritik, aber wir reden drüber, und schauen mit unseren Betriebsräten, was wir besser machen können. Der Stresspegel ist innerhalb der Branche aber auch sehr verschieden.

Inwiefern?

Im öffentlichen Bereich – wie im Personennahverkehr oder in Fußballstadien – beobachten wir schon eine zunehmende Aggressivität. Da sind die Mitarbeiter besonders gefordert, und wir versuchen mit Deeskalationstraining gegenzusteuern. Für diejenigen, die vor einem Kernkraftwerk stehen, ist es im Vergleich dazu entspannter. Außer es gibt einen Alarm. Es gibt aber auch Faktoren, die wir nicht bestimmen können.

Welche?

Im Winter hatten wir eine heftige Krankheitswelle. Die Leidtragenden sind dann, wie woanders auch, die Gesunden. Sie mussten die Arbeit mit übernehmen - was zu einer Überlastung führen kann.

In den vergangenen Monaten hörte man öfters von Wachleuten in Asylunterkünften, die gewalttätig gegenüber Bewohnern waren – oder von einem Security-Wachmann in Heidenau, der ein Neonazi gewesen sein soll.

Nach solchen Vorfällen schauen wir genau, ob wir etwas hätten merken und tun können. Das Einzige, was wir uns aber bei einer Bewerbung anschauen können, ist ein polizeiliches Führungszeugnis und da steht nicht drin, was ein Mensch glaubt und denkt, sondern ob er in jüngster Zeit mal kriminell war, verurteilt wurde. Und selbst da gibt es Burschen, die das fälschen. Es gibt schwarze Schafe in unserer Branche, ja, und solche Vorfälle führen zu Imageschäden. Es ist aber auch nervig, dass diese Einzelfälle die gute Arbeit der großen Mehrheit so überschatten.

Haben Sie sich Flüchtlingsunterkünfte angesehen?

Ja, schon vor Beginn der ganz großen Flüchtlingswelle im Sommer 2015.

Und?

Ich habe mit Wachmännern gesprochen, die sich allein gelassen und überfordert fühlten, und ich habe ein gewaltiges Potenzial für Konflikte und Missverständnisse gesehen. Deswegen haben wir sofort ein interkulturelles Schulungsprogramm entwickelt.

Was sollten Ihre Mitarbeiter wissen?

Welche Religionen es gibt, aus welchem Gebieten die Menschen kommen, wer sich mit wem versteht, wie sie sich gegenüber Frauen, wie gegenüber Männern verhalten müssen – und Deeskalation, auch in der Körpersprache.

War die Flüchtlingskrise gut für Ihr Geschäft?

Es gab einen großen Hype. Wir sind unter anderem in Berliner Flüchtlingseinrichtungen präsent, aber gemessen an dem großem Bedarf, der plötzlich da war, haben wir uns auf wenige Unterkünfte begrenzt.

Warum?

Wir konnten und wollten nicht jeden Auftrag annehmen – auch wegen mancher Ausschreibungsbedingungen, wenn etwa nur der Preis und nicht die Qualität der Arbeit ausschlaggebend war. Wenn man da nicht konsequent ist, wird man am Stachelhalsband durch den Markt gezogen. Ich leite ja keine gemeinnützige Einrichtung, sondern die deutsche Landesgesellschaft eines Weltkonzern.

Dem sich ein neuer Markt öffnete.

Schon, aber die Zahl der Geflüchteten nimmt ab. Die, die hier sind, werden anders verteilt, kleine Einrichtungen werden wieder geschlossen. Strategisch gesehen ist das für mich langweilig. Wenn ich an die Zukunft denke, habe ich andere Themen im Kopf.

Welche?

Zum Beispiel wie wir moderner und digitaler werden. Wenn ich sehe, was für alte Kameras oft im Einsatz sind...

Sie sind für mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum?

Ich bin ein absoluter Befürworter der Videoüberwachung. Generell auf Videotechnik zu verzichten, fände ich dumm. Der Fall von dem U-Bahn-Treter in Neukölln hat doch gezeigt, wie sinnvoll Kameraüberwachung sein kann – und die Menschen werden offener dafür.

Weil das Sicherheitsbedürfnis steigt.

Durch so brutale Taten, steigende Einbruchszahlen und nicht zuletzt den Anschlag in Berlin wünschen sich viele Bürger mehr Schutz und sind gegenüber Kameras offener eingestellt als sie es vor ein paar Jahren waren.

Sind Ihre Umsätze nach dem Anschlag in Berlin gestiegen?

Nein, seither sind unsere Umsätze nicht exorbitant gestiegen. Nach Anschlägen haben viele den Impuls, schnell zu reagieren. Dann passiert zwei Wochen nichts und die Menschen werden wieder entspannter. Deswegen bemerken wir in der Regel nur temporäre Ausschläge nach so schlimmen Ereignissen.

Was kann man überhaupt dagegen tun?

Prävention und Früherkennung. Wir müssen so schnell wie möglich versuchen, die Rahmenbedingungen für einen Anschlag zu erschweren. Poller und Betonblöcke bei Massenveranstaltungen sind eine sinnvolle Schlussfolgerung auf die Tatwaffe Lkw gewesen.

Eine Sicherheitsgarantie ist unmöglich.

Trotzdem müssen wir unsere Sicherheitskonzepte stetig verbessern – auch mit Hilfe von Daten, Daten, Daten, um Ereignisse besser voraussehen und eventuell verhindern zu können. Die weltweite Entwicklung lässt mich nicht annehmen, dass wir eine Konjunkturflaute kriegen werden. Der Terrorismus bleibt leider eines der Megathemen.

Das macht es doch aber noch problematischer, dass man nur einen 40-Stunden-Kurs bei der IHK besuchen muss, um in Ihrer Branche zu arbeiten.

Erstmal bilden wir auch aus – und natürlich ist das schlecht, aber da sind wir wieder beim Thema Geld. Qualität bekommt man nicht zum Nulltarif, aber billig schlägt in unserer Branche oft Qualität. Ob da nun ein solide ausgebildeter Sicherheitsmann steht oder jemand, der 40 Stunden lang einen Kurs besucht hat, entscheidet letztlich der Kunde und dessen Zahlungsbereitschaft. Ich wäre sehr dafür, wenn alle Sicherheitsmitarbeiter nach verbindlichen Standards ausgebildet und geprüft sein müssten.

Könnte man das Qualitätsproblem lösen?

Ja, zum Beispiel, indem die private Sicherheitsbranche nicht mehr an das Wirtschafts- sondern an das Innenministerium angebunden wird. Außer in Deutschland und Österreich ist das überall in Europa so.

Was würde sich denn dadurch ändern?

In der liberalen Wirtschaftspolitik gilt: Der Markt wird es richten, deswegen sind die 5500 Sicherheitsunternehmen hierzulande in Ordnung. Aber das sind viel zu viele. Das Innenministerium hat hingegen als erste Priorität die Sicherheit. Und um dies so gut wie möglich zu gewährleisten, müsste der Markt regulierter werden, der Zugang schwerer, die Ausbildung besser. Statt nach Bundeswehreinsätzen im Inneren oder mehr Polizei zu rufen, könnte man die private Sicherheitsbranche sowieso viel besser nutzen. Ich meine, wenn wir Kernkraftwerke bewachen können, warum dann nicht auch eine Botschaft.

Apropos Gebäude bewachen. Was machen Ihre Mitarbeiter eigentlich am BER?

Gute Frage (lacht). Nein, Scherz. Weil alle Einrichtungen, die Menschen kontrollieren sollen, noch nicht in Betrieb sind, leisten sie Objektschutz.

Das heißt?

Sie schauen zum Beispiel aufmerksam, dass es nicht irgendwo raucht, weil die Brandschutzanlage ja noch nicht funktioniert. Sie begleiten Besucher, Mitarbeiter von Baufirmen oder Zulieferer. Allgemein sind Baustellen immer öfter Tatorte. Und mal ganz bildlich gilt es natürlich auf der Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens zu verhindern, dass jemand einen Sprengsatz irgendwo hinter einem Feuerlöscher versteckt.

Manfred Buhl, 1952 im brandenburgischen Forst geboren, ist seit 1991 als Führungskraft im Sicherheitsgewerbe tätig. Er studierte an der Militärakademie in Moskau und wechselte zu Beginn der 1990er Jahre von der Bundeswehr in die Geschäftsführung der DSW Security nach Potsdam. Seit 2002 ist Buhl Vorsitzender der Geschäftsführung der Securitas Deutschland. Securitas hat hierzulande rund 20.500 Beschäftigte, davon fast 6000 in Berlin-Brandenburg. Der deutsche Marktführer mit einem Umsatz von rund 800 Millionen Euro betreut unter anderem Flughäfen. Das Unternehmen gehört zur schwedischen Securitas-Gruppe mit weltweit 330.000 Beschäftigten.


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