Wirtschaft : Der Standort Berlin ist zu teuer - Handwerkskammer feiert 100-jähriges Jubiläum

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Die Berliner Handwerkskammer wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. In einer ersten Bilanz verwies Kammerpräsident Hans-Dieter Blaese am Donnerstag auf die großen Leistungen seiner Institution. Mit insgesamt 28 747 Betrieben, mehr als 238 000 Beschäftigten und einem Umsatz von 27,5 Milliarden Mark gehöre das Handwerk in der Stadt zu den tragenden Säulen der Wirtschaft.

Trotz der Jubiläumsstimmung, die mit einem Festakt auf der Insel Eiswerder am Sonnabend ihren Höhepunkt finden soll, will Blaese aber über die Probleme nicht hinweg sehen. So leide das Berliner Handwerk mit Blick auf das Umland noch immer unter einer verzerrten Wettbewerbssituation. Konkurrierende Anbieter aus Brandenburg könnten mit wesentlich niedrigeren Löhnen kalkulieren. Vor diesem Hintergrund sei Berlin als Wirtschaftsstandort wenig attraktiv.

Als besonderes Ärgernis, dass nicht selten die Existenz der Betriebe bedrohe, bezeichnete der Kammerpräsident auch die schlechte Zahlungsmoral der öffentlichen Hand. Hier habe sich die Situation weiter verschlechtert. Über genaue Zahlen können allerdings nur spekuliert werden. Aus Furcht, öffentliche Aufträge zu verlieren, würden die Firmen darauf verzichten, Ross und Reiter zu nennen.

Die Kammer geht jedoch davon aus, das über 50 Prozent der Berliner Handwerksbetriebe betroffen sind. Insbesondere bei den kleineren Unternehmen gingen die Zahlungsrückstände an die Substanz. Auf Grund der geringen Kapitaldecke genügten schon kleine Beträge, um den Betrieb zu gefährden. Blaese verwies hier vor allem auf die angespannte finanzielle Situation der vielen Gründerfirmen. Durch die Investition zum Unternehmensstart bereits schwer belastet und von den Kreditinstituten weitgehend im Stich gelassen, stünden junge Handwerksbetriebe ohnehin schon unter großem Druck.

Ein weiteres Problem sieht Blaese in der Osterweiterung der Europäischen Union. Hier käme eine zusätzliche Konkurrenz auf den Markt, die ihre Dienstleistungen im Gegensatz zum teuren Berlin preiswerter anbieten kann. Damit dem Handwerk keine weiteren Nachteile entstehen, fordert Blaese von der Politik schnelleres Handeln. Die versprochenen Senkung der Lohnnebenkosten käme in ihren Auswirkungen zu spät.

Um den Berliner Handwerk auch in Zukunft eine Chance zu geben, hält Blaese die Anpassung an moderne Technologien, das festhalten am Meisterbrief, größere Einzugsgebiete bei den Aufträgen auch außerhalb der Stadtgrenze sowie den Zusammenschluss zu Kooperationen für dringend erforderlich. Darüber hinaus müssen die Palette der einzelnen Dienstleistungen erweitert werden. Wichtig sei die Nachhaltigkeit von Aufträgen. Pflege und Wartung spielten als Folgeleistungen im Handwerk in Zukunft eine immer größere Rolle, sagte der Kammerpräsident.

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