Wirtschaft : Der Standort Deutschland und die Ausländer

ANDREAS HOFFMANN

Die Statistik der Direktinvestitionen ist sehr interpretationsfähig / Eine Standortschwäche kann nicht unbedingt abgeleitet werdenVON ANDREAS HOFFMANN

Mit Zahlen läßt sich gut Politik machen.Das beweist das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln immer gern.So auch mit ihrer neuesten Untersuchung über die ausländischen Direktinvestitionen.Danach hat die "Attraktivität des Wirtschaftsstandort Deutschland im Jahr 1996 einen neuen Tiefpunkt erreicht".Erstmals hätten ausländische Unternehmen per saldo drei Mrd.Dollar Kapital aus Deutschland abgezogen, schreiben die Kölner.Ohnehin würden ausländische Investoren die Republik meiden; zwischen 1991 und 1996 hätten sie gerade mal 17,3 Mrd.Dollar hiergelassen, macht noch nicht einmal 0,6 Prozent der hierzulande getätigten Bruttoanlage-Investitionen.Und wie es sich für einen Think-Tank der Arbeitgeber gehört, kennt man am Rhein ganz genau die Schuldigen: die "fatale Kombination aus hohen Arbeitskosten und Unternehmenssteuern, kurzen Arbeitszeiten und hoher staatlicher Regulierungsdichte".Das alte Lied vom Standort also. Nun ist die Betrachtung der Auslandsinvestitionen keineswegs so einfach, wie das Institut behauptet.Harald Trabold, Referent für internationale Wirtschaftsbeziehungen beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hält nicht viel davon: "Diese Übersichten muß man mit spitzen Fingern anfassen, und allein daraus eine Standortschwäche abzuleiten, ist ziemlicher Unsinn." Selbst die Bundesbank betrachtet diesen Indikator inzwischen skeptischer, da unterschiedliche Berechnungsmethoden ganz unterschiedliche Ergebnisse brächten. Zwischen 1984 und 1994 lagen die ausländischen Direktinvestitionen ­ gemäß der deutschen Zahlungsbilanzstatistik ­ bei 34,6 Mrd.DM.Legt man die Zahlungsbilanzen von 18 OECD-Ländern zugrunde, flossen in diesem Zeitraum 137,2 Mrd.DM als Direktinvestitionen nach Deutschland.Außerdem bedeutet ein verstärktes Engagement ausländischer Investoren hierzulande noch keineswegs einen Zuwachs an Jobs.In den wenigsten Fällen errichtet der ausländische Unternehmer ein neue Fabrik auf der grünen Wiese, viel häufiger tritt er als Käufer auf.Vier Fünftel aller weltweit neuen Direktinvestitionen sind nichts anderes als Firmenbeteiligungen oder -übernahmen, schreibt die Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht. Wenn der US-Energiekonzern Southern Co.bei der Bewag einsteigt, gilt das als ausländische Direktinvestition.Nur neue Arbeitsplätze entstehen dadurch nicht, es ändern sich nur die Eigentumsverhältnisse.Interessant ist dabei, daß die Bonner CDU/FDP-Koalition gern mehr ausländische Direktinvestitionen einfordert, im konkreten Fall Bewag der Berliner CDU-Fraktionschef Klaus Rüdiger Landowsky aber gegen einen Ausverkauf ans Ausland wettert.Damit ist ein Hauptproblem der Direktinvestitionen angesprochen.Ausländer beteiligen sich an hiesigen Unternehmen oft auch deshalb nicht, weil ihnen die Verhältnisse in der Deutschland AG zu unübersichtlich sind. Wie die Bundesbank schreibt, sind hierzulande viel weniger Gesellschaften an der Börse notiert als in angelsächsischen Staaten.Der Aktienbesitz selbst ist stark konzentriert, etwa bei Banken und Versicherungen; im Mittelstand sind viele Betriebe seit Jahrzehnten in Familienhand und werden als Personengesellschaften oder nicht börsenfähige Kapitalgesellschaften geführt.Das alles schreckt Ausländer ab.Selbst nach der Wiedervereinigung, als im Osten zahlreiche Unternehmen privatisiert wurden, haben sie kaum zugegriffen.Die deutschen Firmen waren wohl schneller.

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