Wirtschaft : Der Weg des DGB-Vorsitzenden vom Stahlofen an die Gewerkschaftsspitze

Alfons Frese

Er versteht sich als oberster Lobbyist von Arbeitnehmerinteressen, doch Klassenkampfparolen sind im fremd. Und obwohl die Grundlagen seiner Karriere in einer "alten" Industrie, der Stahlbranche, gelegt wurden, hat er sich das Image eines Modernisieres verschafft: Dieter Schulte, seit 1994 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), begeht heute seinen 60. Geburtstag. Mit sich und der deutschen Wirtschaftswelt ziemlich zufrieden sitzt Schulte in der neuen DGB-Zentrale am Hackeschen Markt. Hier feiert er mit den Mitarbeitern Geburtstag, sozusagen im kleinen Kreis. Den großen Empfang mit Parteifreund Gerhard Schröder gibt es am 22. Februar im Maritim Hotel. Das ist ja ganz schön und wohl unvermeidlich, doch "die richtige Feier" (Schulte) läuft am kommenden Sonnabend in Duisburg, Heimatstadt und Wohnort Schultes. Wo auch immer der Schreibtisch stand, ob in Frankfurt, in Düsseldorf oder nun in Berlin, das Arbeiterkind Schulte zog es zurück in den Ruhrpott. "Eine phantastische Stadt,", sagt er über Duisburg, wo er nach der Volksschule zum Maurer ausgebildet wurde und Ende der 50er-Jahre als Brenner bei Thyssen anfing.

Heute spielt Schulte auf großer Bühne, ist einer der wichtigsten Mitspieler in des Kanzlers Bündnis für Arbeit und genießt das Medienspektakel. Vor ein paar Dutzend Kameras hat der DGB-Chef am vergangenen Sonntag die jüngste Bündnis-Erklärung erläutert, die insbesondere auch seine Handschrift trägt. "Wir wollen den Karren ziehen", sagt Schulte über sich und seinen Partner auf der anderen Seite, Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Und Schulte zieht gerne. Darin sieht er auch die Kernaufgabe des DGB: die Koordinierung von Kanzlergesprächen, wie es sie bereits bei Kohl gab; den "sozialen Dialog und den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit" sowie Initiativen für mehr Beschäftigung. Trotz Mitgliederschwund und sinkender Akzeptanz der Gewerkschaften in der Gesellschaft gibt sich Schulte machtbewußt: "Ohne unseren Druck wären die Reformen der rot-grünen Bundesregierung kaum möglich gewesen", sagt der DGB-Chef und meint insbesondere Kündigungsschutz und Lohnfortzahlung. Deshalb ist ihm auch um die Zukunft des DGB nicht bange, denn die Verhältnisse würden schließlich nicht besser. Unternehmen unterliefen zunehmend Tarifverträge und erpressten ihre Belegschaften, da sei gewerkschaftliche Gegenmacht wichtiger denn je. "Wenn es uns nicht gäbe, dann müsste man uns erfinden", ist einer der Lieblingssätze Schultes.

Mitte April startet der DGB eine bundesweite Imagekampagne für zehn Millionen Mark. Mitglieder müssen her, sonst bluten die Einzelgewerkschaften und damit auch der DGB aus. Und moderne Konzepte sind gefragt. "Wir müssen aufpassen, dass wir den rasanten Wandel bei den Erwerbsbiografien nicht vorab tabuisieren." Und der Spitzengewerkschafter nennt Scheinselbstständigkeit, Arbeitnehmerüberlassung oder Leiharbeit, allesamt Begriffe, die normalerweise Gewerkschafter erschaudern lassen: "Verdammt noch mal, warum muss man das abwerten?", fragt dagegen der DGB-Chef. Die Gesellschaft und insbesonder die Wirtschaft verändert sich eben, da macht man entweder mit, oder man wird mittelfristig überflüssig. Er will "Betroffene zu Beteiligten" machen, insbesondere durch die Beteiligung am Produktivkapital, aber eben auch durch weitere Formen der Arbeitsumverteilung, um dadurch Arbeitslose von der Strasse zu kriegen. Wenn es denn sein muss, weil sich der mächtigere Klaus Zwickel darauf versteift, auch mit der Rente ab 60.

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