Wirtschaft : Derk Beggerow

(Geb. 1967)||Die einen laufen streng nach Uhr. Andere nehmen sich Zeit dafür.

Tatjana Wulfert

Die einen laufen streng nach Uhr. Andere nehmen sich Zeit dafür. Ein Mann mit Herzproblemen trainiert für den Berlin-Marathon. Sein Arzt sagt: „Laufen Sie mit, aber überanstrengen Sie sich nicht. Ihre Zeit darf auf keinen Fall unter drei Stunden liegen!“ Der Mann teilt seiner Frau die Warnung mit. Die Frau bläst die Backen auf, stellt dem Mann die Turnschuhe vor die Füße und schiebt ihn aus der Wohnungstür. Dann bestellt sie einen Fensterplatz in einem Café, mit Blick auf die Zielgerade. Der Mann läuft die 42,195 km in zweieinhalb Stunden. Fünf Minuten später bricht er tot zusammen.

Neurotisch nennt Derk Beggerow diese Läufer. Sie laufen und laufen, fort von ihrem Leben, einem zweifelhaften Erfolg hinterher, starren nach jedem gerannten Kilometer auf die Uhr. Sie laufen am Morgen und am Abend, keuchen vorbei an dahinschlendernden Spaziergängern, haben sehnige Körper und eingefallene Wangen. Sie trinken Wasser, essen rohes Gemüse. Sie geben viel Geld aus, für die Lauferei, kaufen bei Spezialisten die modernsten Schuhe und atmungsaktivsten Hemden.

Zum Beispiel bei Derk Beggerow. Er betreibt den „Lang & Laufladen“ in der Augsburger Straße, einst der erste Laufsportladen Berlins, gegründet 1981 von seinen Eltern.

Derk ist groß, schwer, sein Kinn weich geformt, der Blick warm und offen. Kunden, die den Laden betreten, schauen in dieses Gesicht, diese Augen und wissen sofort: Jede unaufrichtige Absicht ist ausgeschlossen.

Als er noch ein kleiner Junge war, vergaß man ihn einmal. Die Erzieher seines Kindergartens waren im Begriff, die Türen hinter sich zu schließen, da kam sein Vater angerannt, einige Minuten zu spät, und fragte aufgebracht nach seinem Sohn. Die Erzieher schauten sich fragend an – Derk, der ist doch längst zu Hause. – Nein, rief sein Vater, da ist er nicht. Die Suche begann. Eine halbe Stunde später fand man ihn, in der Spielzeugecke schlafend.

Wenn Derk den Kunden etwas erklärt, vertrauen sie ihm. Er kennt sich aus, beschäftigt sich seit Jahren mit Textil- und Schuhkunde, besucht Messen, kümmert sich um Sponsoren für den Berlin-Marathon. Er gründet eine Laufschule, bringt den ersten Leichtathletik-Versandkatalog auf den Markt.

Und er läuft selbst. Manchmal an den Abenden, manchmal am Wochenende, immer in einem abgetragenen Hemd, oft mit seiner Frau. Sind beide zu müde, setzen sie sich in das kleine italienische Restaurant in ihrer Straße, essen gegrillten Fisch, probieren Weine und sprechen über die Reisen, die sie eines Tages gemeinsam unternehmen wollen.

Am 6. April 2006 geht Derk zu einem Arzt. Kränklich fühle er sich, kraftlos und schwach, schon seit Wochen.

Am 15. April teilt ihm der Arzt die Diagnose mit. Derk sitzt auf einem weichen Ledersessel, hört die Worte wie im Nebel, steht auf, unter seinen Füßen wankt der Boden. Krebs. Keine Hoffnung.

Nach der zweiten Chemotherapie lädt seine Frau noch einmal die engsten Freunde ein. Der Grill wird im Garten aufgebaut, Fisch, Fleisch und Saucen türmen sich auf dem Tisch, Derk nimmt einen winzigen Schluck Rotwein.

„Ich habe keine Angst vor meinem Tod“, sagt er zu seiner Frau, „nur dein Tod wäre mir unerträglich.“ Er schläft ein, die Füße übereinandergelegt.

Im Südwesten Frankreichs, im Médoc, findet jedes Jahr im September ein Marathon statt. Die Strecke führt an mehreren Weingütern vorbei. Vor jedem Chateau warten Männer in bordeauxroten Schürzen und tragen Tabletts voll gefüllter Gläser vor sich her. Die Läufer halten an, nehmen ein Glas, stoßen miteinander an. So geht es immer weiter, stundenlang, von Etappe zu Etappe. Niemand schaut auf die Uhr. Für das Jahr 2007 hatte Derk sich bereits angemeldet.

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