Wirtschaft : Design statt Minibar

Im rasant wachsenden Bettenangebot Berlins müssen sich Hotels mit ausgefallenem Ambiente vom Durchschnitt abheben

Flora Wisdorff

Das Rentnerehepaar ist sichtlich begeistert. Enthusiastisch nimmt der ergraute Mann in blauem Hemd und Flanellhose den Fotoapparat und lichtet die Lobby des Hotels „Kudamm101“ ab. Aus mehreren Säulen schimmert Licht hinter einer weißen Stoffplane, House-Musik plätschert vor sich hin. Man könnte glauben, in einer Lounge-Bar in Mitte zu sein. In die Wand eingebaut sind zwei Computerbildschirme mit Internetzugang. Lila rundgeformte Polster laden zum Verweilen ein. „Zu uns kommen keinesfalls nur Gäste aus der Medien- oder Designszene“, sagt Jens Gmiat, Geschäftsführer des erst im März eröffneten Hotels. „In unserem Ambiente fühlen sich auch ganz normale Touristen wohl.“

Und das muss auch wohl sein, damit das Hotel, das vollständig in einem puristisch- minimalistischen Design eingerichtet ist, erfolgreich sein kann. Denn in der Hotelbranche herrscht noch Krisenstimmung. Im „Kudamm 101“ liegt die Auslastung nach nur einem halben Jahr Betrieb immerhin bei 50 Prozent. „Das ist für die Anlaufzeit gut“, sagt Stephan Gerhard, Geschäftsführer der Treugast Unternehmensberatung, die sich auf die Hotelbranche spezialisiert. Normal seien im ersten Jahr etwa 40 Prozent. Um schwarze Zahlen zu schreiben, braucht ein Hotel 55 Prozent Auslastung.

In Berlin, wie überall in Deutschland, ist es momentan schwierig mit dem Tourismus. Die wirtschaftliche Flaute und der Terror ließen die Besucherzahlen seit 2001 schrumpfen. 2002 kamen 3,6 Prozent weniger Gäste in die deutsche Hauptstadt – das Hotelgewerbe zählte elf Millionen Übernachtungen. Dabei ist der Tourismus mit einem Jahresumsatz von 5,2 Milliarden Euro der wichtigste Wirtschaftszweig Berlins. Doch nach Ansicht von Peter Nerger, Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) ist der Negativtrend gestoppt. Am Ende des Jahres sollen die Besucherzahlen zumindest auf Vorjahresniveau liegen. Berlin bleibe die attraktivste Stadt Deutschlands. Neben dem umfangreichen Kulturangebot ist Berlin vor allem eins: billig. Shoppen ist in keiner europäischen Metropole so günstig wie in Berlin und auch die Übernachtungen sind im Schnitt preiswerter als in London oder Paris.

Das ist kein Wunder: Den Berliner Hoteliers macht weniger ein Besucherschwund Sorgen, sondern die weiter steigenden Kapazitäten. „Fast jede große Hotelkette will in der Hauptstadt eine Filiale haben – Nachfrage hin oder her“, sagt Tourismus-Experte Gerhard. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Hotelbetten in Berlin um fast zwei Drittel gestiegen und liegt jetzt bei 68000. In den nächsten Jahren wird der Bau-Boom anhalten. Bis 2005, so die Schätzung der BTM, steigt die Zahl auf 80 000. Schon jetzt ist der Auslastung der Berliner Hotels schon weit unter die wichtige Marke von 50 Prozent gesunken.

Die Berliner Hotels können trotzdem hoffen, meint Experte Gerhard. Denn wenn die Konjunktur wieder anspringt, werden wieder mehr Menschen reisen – auch nach Berlin. Vor allem Hotels auf Drei-Sterne-Niveau – wie das „Kudamm 101“ – könnten optimistisch sein, sagt Gerhard. Denn diejenigen, die weniger Geld ausgeben wollen, würden jetzt eher in Drei-Sterne-Hotels absteigen und nicht in einer „Billigkette“. Wer nicht auf den Cent achten muss, kann in Berlin inzwischen unter zahlreichen Luxusherbergen wählen. Und auch das ganz billige Segment ist mit einer Reihe günstiger Hotels für Rucksack-Touristen ist gut besetzt.

Auch Gmiat setzt darauf, dass Berlin in Zukunft noch mehr Besucher anzieht – vor allem internationale. Gmiat führte bereits einige Jahre das traditionelle Savoy-Hotel in der Fasanenstraße, das wie das „Kudamm101“ zur Berliner Savoy-Gruppe gehört. In den vergangenen Jahren sammelte er in der Londoner Hotelszene Erfahrungen. Seiner Meinung nach ist Berlin noch nicht kosmopolitisch genug. In London gebe es ein Riesenangebot an ungewöhnlichen Designhotels. Auch, weil die Stadt offener und internationaler als Berlin.

Das „Kudamm 101“ beschränke sich „auf das Wesentliche“ beschreibt Gmiat das Konzept des Hotels. Es gibt keine Minibar, weil die das Design zerstören würde, und auch keinen Zimmerservice und kein Restaurant. Beim Frühstück in der Dachetage mit Blick auf den Funkturm ist alles vorportioniert und aus kontrolliert biologischer Herstellung. „Uns ist wichtig, dass die Grundbedürfnisse erfüllt sind: Schlafen, Wohlfühlen und Frühstück“, sagt Gmiat. Die Zimmer des „Kudamm 101“ sind in den Farbtönen beige, rosa oder grün gehalten. „Wir haben uns bei den Farben an Le Corbusier orientiert.“ Dass das Design-Hotel in einem unspektakulären Abschnitt des Kurfürstendamms in Wilmersdorf und nicht im modernen Mitte steht, stört Gmiat nicht. Bei Bedarf holt er sich das Mitte-Flair nach Wilmersdorf: Im Dezember kommen die Inhaber der Designer-Shops aus Mitte nach Wilmersdorf und präsentieren in den Hotelzimmern ihre Waren.

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