Wirtschaft : Deutsch-brasilianisches Akw: Sorgenkind am Netz - 25 Jahre nach Baubeginn

Björn Stiel,Michael Zuchold

Es ist ein dickes Ei, das die Siemens-Kraftwerksunion (KWU) da gelegt hat. Schon leicht angegraut die Schale, steht das Reaktorgebäude von Angra II in einer der malerischen Buchten der brasilianischen Costa Verde, gut 150 Kilometer südwestlich von Rio de Janeiro. In dieser Woche nimmt das deutsch-brasilianische Atomkraftwerk seinen Testbetrieb auf, 25 Jahre nach Baubeginn und 17 Jahre später als geplant.

Technische Probleme, widrige politische Umstände und Zahlungsschwierigkeiten führten zu der Rekordverzögerung des Gemeinschaftsprojektes. Und damit auch zu einem Rekordpreis: Gut 10 Milliarden Dollar hat Angra II gekostet und ist damit das teuerste Atomkraftwerk der Welt.

Im Juni 1975 unterzeichneten der damalige Kanzler Helmut Schmidt (SPD) und die brasilianische Militärregierung unter General Ernesto Geisel ein Nuklearabkommen. Mit deutschem Know-how wollte man gemeinsam acht Atomkraftwerke in Brasilien errichten, die alle bis 1990 fertig sein sollten. Der Vertrag zum Bau der ersten zwei - Angra II und Angra III - wurde noch 1975 mit staatlicher deutscher Hermes-Kreditabsicherung unter Dach und Fach gebracht. Ein Jahr später begannen die Arbeiten für Angra II - und damit auch die Probleme.

Das Gebiet um die Costa Verde gilt als erdbebengefährdet, neue Berechnungen machten ein weitaus stärkeres Fundament als zunächst geplant nötig. Zudem erwies sich "Jet Nozzle", ein spezielles Anreicherungsverfahren, als zu teuer und ineffizient. "Die Deutschen haben uns eine Technologie verkauft, die sie selber nicht benutzen", beschwerte sich der damalige brasilianische Finanzminister Delfim Netto. In Deutschland wiegelte man ab: Ein anderes Anreichungsverfahren dürfe man nicht liefern, damit die Brasilianer kein atomwaffenfähiges Uran herstellen können.

Als Mitte der 80er Jahre die Militärs in Brasilien die Macht an eine Zivilregierung übergaben, schwand auch das Interesse an Atomenergie und Nuklearabkommen. Brasilien hatte angesichts von Hyperinflation und Rezession andere Sorgen. Die brasilianische Regierung drehte den Geldhahn kurzerhand zu, der Bau von Angra II wurde schließlich gestoppt. Zehn Jahre waren seit Vertragsabschluss vergangen - und es stand nicht einmal der Rohbau.

Die KWU machte sich daran, Lagerhallen neben der ewigen Baustelle zu errichten: Die bereits aus Deutschland gelieferten Reaktorkomponenten mussten vor der tropischen Hitze und Feuchtigkeit Brasiliens geschützt werden. Fein säuberlich verpackt lagerten sie dort ein ganzes Jahrzehnt, ohne dass sich etwas tat. Während die Brasilianer das Atomprojekt fast schon abgeschrieben hatten, wartete man bei der KWU ab. Erst als Fernando Henrique Cardoso 1994 zum Präsidenten gewählt wurde, änderte sich die Lage. Politischer Wille und Geld zur Fortsetzung von Angra II waren wieder da, Cardoso gab grünes Licht für die Fertigstellung des Atomkraftwerkes.

Das Projekt ist ein wirtschaftlicher Reinfall, amortisieren wird sich Angra II nicht. Dafür reicht die geplante Laufzeit von 40 Jahren nicht aus. Auch steht der Betreiber, die nationale Kommission für Nuklearenergie, noch vor ungelösten Problemen: Der Evakuierungsplan für einen möglichen GAU ist mangelhaft. Auch was mit den verbrauchten Brennelementen geschieht, weiß noch niemand so recht: In Brasilien gibt es kein Endlager.

Vorwürfe, Angra II sei schon jetzt veraltet, weist die KWU zurück. Die lange Lagerungszeit habe den Reaktorkomponenten nicht geschadet, sagt Sprecher Wolfgang Breyer. Die Computer-Hardware sei sogar auf neuerem Stand als in manch deutschem Atomkraftwerk. Während Angra II seinen Betrieb aufnimmt, droht sich die "Tragödie", wie Breyer das 25-jährige Hin und Her nennt, mit Angra III zu wiederholen: Die Bauteile warten bereits luftdicht verpackt an der brasilianischen Küste auf ihren Einsatz. Wann das sein wird, vermag noch niemand zu sagen: Die brasilianischen Politiker haben Angra III vorerst auf Eis gelegt und auch die bundesdeutsche Regierung hat im März eine Hermesbürgschaft für die Restfinanzierung des Projektes abgelehnt.

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