Wirtschaft : Deutsch-Britische Annäherung (Kommentar)

Rolf Obertreis

Bei BMW und Rover liegen Deutsche und Briten derzeit im Streit. Schließlich geht es um ein ganzes Automobilwerk. In London dagegen setzen die eigentlich reservierten Börsen-Manager von der Insel voll und ganz auf die Deutschen, mit denen man jahrzehntelang heftig konkurriert hat. Der erste Anlauf zu einem Zusammenschluss der beiden größten europäischen Börsen vor gut einem Jahr blieb ohne Ergebnis. Jetzt haben sich beide Seiten zusammengerauft und schmieden die drittgrößte Börse der Welt. New York und Tokio erwächst ein mächtiger Konkurrent - falls es gut geht. Vorsicht ist angebracht, zumal noch längst nicht alle Detailfragen geklärt sind. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass groß angekündigte Vorhaben kläglich scheitern können. Was die Londoner und Frankfurter Börsen zusammengezimmert haben, ist gigantisch: Bei iX ist künftig die Mehrheit des europäischen Handelsvolumens mit europäischen Aktien konzentriert. Unter dem Dach der iX läuft der größte europäische Terminmarkt. Kommt noch das Gemeinschaftsunternehmen mit der US-Technologiebörse Nasdaq zusammen, dann betreibt iX schließlich auch den mit Abstand größten europäischen Aktienhandel mit jungen, dynamischen Unternehmen. Ein Bereich in dem der Neue Markt in Frankfurt in den letzten Jahren eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Mit iX kommen London und Frankfurt vor allem den Wünschen der Großbanken und der großen institutionellen Investoren nach, die für Europa schon seit langem ein großen zentralisierten Aktienhandel fordern. Das erhöhte die Umsätze, sorgt für transparente und faire Preise, drückt die Kosten und macht die Geschäfte attraktiver. Eine Entwicklung, von der auch die Privatanleger profitieren werden. Mehr noch: Gespräche mit Madrid und Mailand werden geführt; die unlängst gezimmerte Gemeinschaftsbörse von Paris, Brüssel und Amsterdam dürfte bald auch auf den neuen Börsenriesen zugehen. Auch wenn der Sitz von iX in London sein wird, ist die Fusion kein Rückschlag für den Finanzplatz Frankfurt. Im Gegenteil: Zwar werden die großen europäischen Aktien künftig an der Themse gehandelt. Das Handelssystem der drittgrößten Börse der Welt aber kommt vom Main. Dort bleibt der Neue Markt, mit die Deutschen in den letzten Jahren weltweit für Furore gesorgt haben, und an der Spitze von iX steht künftig der bisherige Chef der Deutsche Börse AG. Höher kann die Wertschätzung der Briten für die Börsianer aus Frankfurt nicht sein.

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