Wirtschaft : Deutsche Bank: Der Mythos Hermann Josef Abs bröckelt

Rolf Obertreis

Es war wohl einer seiner letzten öffentlichen Auftritte Anfang der neunziger Jahre in der Zentrale der Deutschen Bank. Den kleinen, schmächtigen Mann konnte man unter den vielen hundert Zuhörern leicht übersehen. Gleichwohl hörten alle gebannt zu, als er mit leiser und doch durchdringender Stimme eine Rede hielt. Schließlich war der bald neunzigjährige Hermann Josef Abs - schon zu Lebzeiten ein Mythos und eine Persönlichkeit, die die Menschen immer in ihren Bann zog. Ein Mann, der nicht nur die Geschichte und den Aufstieg der Deutschen Bank im zwanzigsten Jahrhundert maßgeblich geprägt hat, sondern als einer der mächtigsten Männer seiner Zeit auch ein Symbol seines Heimatlandes war. An diesem Montag wäre Abs 100 Jahre alt geworden.

Mehr als siebeneinhalb Jahre nach seinem Tod am 5. Februar 1994 sind sich Historiker nicht einig, wie sie diesen Mann, der keine Memoiren geschrieben und selten seine eigene Person gesprochen hat, einschätzen sollen. Dies macht sich vor allem an der Rolle des gebürtigen Bonners in der Nazi-Zeit fest. Erst vor wenigen Monaten hat der englische Historiker Harold James in einem Buch über die Arisierungspolitik der Deutschen Bank Abs schwere Vorwürfe gemacht. Er trage eine "direkte Mitschuld" an den von den Nazis begangenen Brutalitäten in Tschechien. Er bezichtigt Abs der "Komplizenschaft mit der verbrecherischen Ausbeutungspolitik" der Nazis. Manfred Pohl dagegen, Leiter des Historischen Instituts der Deutschen Bank, kommt wie andere Historiker auch zu einem anderen Urteil: Abs sei weder Vollstrecker des Systems noch Widerstandskämpfer gewesen. Fakt ist, dass Abs 1938 in den Vorstand der Deutschen Bank aufrückte und just in der Zeit des Nationalsozialismus das Auslandsgeschäft der Deutschen Bank konsequent ausbaute und dabei auch die Vorteile aus der Besatzungspolitik der Nationalsozialisten nutzte. Ohne große Rücksichten, wie Historiker heute sagen.

Fakt ist allerdings auch, dass der Katholik Abs weder vor dem Krieg noch danach Parteimitglied war, dass er Hitler nie persönlich getroffen hat und dass er auch Kontakte zum Widerstand unterhielt. Ohne sich dabei allerdings in irgendeiner Form zu engagieren. Dabei sind sich Historiker sicher, dass Abs als Aufsichtsratsmitglied des IG Farben-Konzerns, der KZ-Häftlinge beschäftigte und das Todes-Gas Zyklon B herstellte, und als Aufsichtsrat des Baukonzerns Philipp Holzmann von KZs und Zwangsarbeitern wissen musste. Gleichwohl wurden Abs nie konkrete Verstrickungen in die Machenschaften der Nazis nachgewiesen.

Nach dem Krieg saß der Bankier nur kurz in Haft. 1948 aber kam er auch dank der Amerikaner und der Briten wieder ins Bankgeschäft. Er wurde Chef der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Und Abs wurde zu einem der wichtigsten Berater von Bundeskanzler Konrad Adenauer. In dieser Funktion handelte er mit den Alliierten von 1951 bis 1953 das Londoner Schuldenabkommen aus, das Deutschland wieder kreditwürdig machte und eine wichtige Grundlage für das Wirtschaftswunder war. Abs war es auch zu verdanken, dass die deutschen Großbanken, nachdem sie nach Kriegsende zerschlagen worden waren, 1957 wieder ihre Arbeit aufnehmen konnten. Abs wurde erster Vorstandssprecher der Deutschen Bank und blieb bis 1967. Er rückte an die Spitze des Aufsichtsrates und wurde später Ehrenvorsitzender der Bank.

Bis zu 30 Aufsichtsratsmandate begründeten den Einfluss des Bankiers. Die "Lex Abs", die 1965 die Zahl der Kontrollmandate auf zehn pro Person beschränkte, war eine Folge dieser Machtfülle. Auch nach seinem Rückzug aus der Bank blieb Abs einflussreich und angesehen. Aber auch Zielscheibe von Kritikern. "Er war charmant, redegewandt, eitel bis hin zur Menschenverachtung", sagt der Deutsche Bank-Historiker Pohl heute. Abs werde heute realistischer eingeschätzt, sagen andere. Der Mythos Abs habe gelitten. Der Bankier wird die Geschichtswissenschaft weiter beschäftigten: Auch an seinem 100. Geburtstag sind längst nicht alle Akten ausgewertet, die das Leben des bekanntesten deutschen Bankiers nachzeichnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar