Wirtschaft : Deutsche Bank: Geldinstitut geht an die Wall Street

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Die Allianz hat den Gang an die Wall Street vor einem Jahr noch groß gefeiert. Die Deutsche Bank dagegen wird den ersten Auftritt ihrer Aktie an der New York Stock Exchange (NYSE), der wichtigsten Börse der Welt, und damit eines der bedeutendsten Ereignisse für das größte europäische Geldinstitut am kommenden Mittwoch eher still begehen. "Wir hängen die Angelegenheit niedrig", sagt Deutsche-Bank-Finanzchef Clemens Börsig. Es steht nicht einmal fest, ob zum Handelsauftakt am 3. Oktober der Chef des neu gelisteten Unternehmens, wie sonst üblich, die Börsenglocke läutet. Sicher ist nur, dass Vorstandssprecher Rolf Breuer, sein designierter Nachfolger Josef Ackermann, Finanzchef Börsig und einige andere Banker auf dem Parkett mit Spannung den ersten Kurs für die Aktie mit dem Kürzel "DB" erwarten werden. "Vielleicht", sagt Börsig, "wird auch ein New Yorker Feuermann die Glocke läuten." Viel mehr wird nicht passieren.

Dass der seit langem geplante Börsengang verschoben würde, war unmittelbar nach den Terrorattacken auf das World Trade Center nur kurz in der Diskussion. Zu diesem Zeitpunkt lagen die letzten Vorbereitungen auch auf den Schultern eines 15-köpfigen Teams unter der Leitung von Toni Di Orio im Gebäude der Deutschen Bank in der Liberty Street, direkt am World Trade Center. Die Banker mussten ihre Büros sofort verlassen und erlebten zwei Blocks weiter, wie die beiden Türme einstürzten und auch ihr eigenes Gebäude zerstörten. Noch am selben Tag entschied der Vorstand in Frankfurt gemeinsam mit dem Team in New York und vor allem auch mit der amerikanischen Börsenaufsicht SEC: "Wir wollen ein Zeichen geben für unsere enge Verbundenheit zum weltweit wichtigsten Finanzplatz und zum amerikanischen Volk", sagt Vorstandssprecher Breuer. Unter enormen psychischen Belastungen stellten die Banker in Frankfurt und New York den für den Börsengang wichtigen Bericht für die SEC fertig.

Für die Deutsche Bank ist die Notierung der Aktie an der Wall Street aus mehreren Gründen ein bedeutendes Ereignis. Sie erhöht das Ansehen als global orientiertes Geldhaus, eröffnet den Zugang zum größten und effizientesten Kapitalmarkt der Welt, die Bank prägt sich stärker in das Bewusstsein amerikanischer Investoren ein und die Aktie kann als Akquisitionswährung für künftige Übernahmen in USA genutzt werden. Analysten halten den letzten Punkt für entscheidend. Die Bank muss dann Übernahmen, wie etwa die von Bankers Trust, nicht mehr bar zahlen. "Es gibt derzeit aber keine konkreten Pläne", sagt Börsig.

Ein weiterer Vorteil für Investoren und Aktionäre: Die Deutsche Bank wird transparenter. Die Rechnungslegung nach dem in USA üblichen Verfahren US-GAAP ermöglicht tiefere Einblicke in die Zahlen und erleichtert den Vergleich mit den internationalen Konkurrenten wie Citigroup, Goldman Sachs oder JP Morgan Chase. Die Umstellung auf US-GAAP hat zunächst einen erstaunlichen Effekt: Das Eigenkapital wächst um 16,3 Milliarden Euro. Der Gewinn der Deutschen Bank steigt auf dem Papier von 4,9 auf 13,5 Milliarden Euro. Grund dafür sind allerdings nur neue Regeln für steuerliche Einstufungen des Beteiligungsbesitzes.

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