Wirtschaft : Deutsche Bank setzt Expansion unbeirrt fort

FRANKFURT (MAIN) (ro).Deutsche-Bank-Vorstand Rolf Breuer rechnet "zu 100 Prozent" damit, daß die geplante Übernahme der US-Großbank Bankers Trust spätestens bis 30.Juni von den US-Behörden genehmigt wird.Zur Finanzierung der 17 Mrd.DM teuren Akquisition will sich die Bank von ihren Aktionären noch im April rund sechs Mrd.DM frisches Kapital beschaffen.

Die Frage des Entschädigungsfonds für Holocaust-Opfer, bei dem die Deutsche Bank eine wichtige Rolle spielt, ist nach Angaben von Breuer noch nicht geklärt.Immer noch suchen Banken und Firmen einen Weg, der sie in Zukunft vor neuen Klagen schützt.Bevor dieses Problem nicht gelöst sei, wird nach Angaben des Bankers auch nicht über die Höhe von möglichen Entschädigungen gesprochen.Für Breuer ist allerdings klar, daß der Entschädigungsfonds wegen des hohen Alters der Opfer und wegen der Übernahme von Bankers Trust möglichst schnell etabliert werden müsse.

Gleichwohl habe diese Frage bislang keinerlei Einfluß auf den Fusionsprozeß mit Bankers Trust gehabt."Dieser Vorgang ist bislang absolut störungsfrei verlaufen." Die Besetzung aller Führungspositionen der künftigen gemeinsamen Bereiche sei geregelt.60 Prozent des Kaufpreises habe man bereits an den internationalen Kapitalmärkten aufgenommen.Breuer geht davon aus, daß die dann größte Bank der Welt schon im zweiten Halbjahr ihre Arbeit aufnehmen kann.Allein in diesem Jahr sollen rund 680 Mill.DM eingespart werden, im Jahr 2000 rund 1,3 Mrd.DM und von 2001 an jährlich 1,7 Mrd.DM.Allerdings werden der Fusion vor allem in Amerika und in Großbritannien rund 5500 Arbeitsplätze zum Opfer fallen.Bis zum Jahr 2001 will die Deutsche Bank ihr Betriebsergebnis auf zwölf Mrd.DM erhöhen, rund drei Mrd.DM mehr als bislang ohne Bankers Trust geplant.

Neben der Übernahme der US-Großbank will die Deutsche Bank mit dem Geld aus der, so Breuer, "zugegebenermaßen unerhörten" Kapitalerhöhung auch die Expansion in Europa finanzieren.Dabei legt das Geldhaus einen Schwerpunkt auf Frankreich.Dort beginnt die Deutsche Bank im zweiten Halbjahr mit dem Aufbau von zehn eigenen Ablegern.

Als Beispiel für die Neuausrichtung der Deutschen Bank hin zum "Multispezialisten" betrachtet Breuer auch die Zusammenführung des Filialgeschäftes mit der Direktbank Bank 24 zur neuen Deutschen Bank 24, die am 1.September ihre Arbeit aufnehmen soll.Damit sollen die derzeit 6,8 Millionen Kunden zugleich auf die 1450 Filialen und die elektronischen Angebote der Bank 24 zurückgreifen können.Die neue Bank sei offen für die Zusammenarbeit mit anderen Banken und Vertriebsorganisationen "bis hin zur Integration von Kundenbeständen und kompletten Banken", sagte Breuer.Für das laufende Jahr erwartet der Deutsche Bank-Chef einen niedrigeren Jahresüberschuß als 1998.Hauptgrund: Die im vergangenen Jahr angefallene Sonderausschüttung von Daimler, die der Deutschen Bank 3,2 Mrd.DM in die Kassen brachte.1998 bezeichnete Breuer als erfolgreiches Jahr.Das Betriebsergebnis erreichte knapp 4,4 Mrd.DM.Der Zinsüberschuß verminderte sich leicht auf 10,8 Mrd.DM.Das Handelsergebnis sank um 3,7 Prozent auf 3,5 Mrd.DM.Vor Steuern blieb ein Jahresüberschuß von 7,9 Mrd.DM nach zwei Mrd.DM im Vorjahr.Der Gewinn erhöhte sich von 1,0 auf 3,4 Mrd.DM.Aufgrund des guten Ergebnisses steigt die Dividende von 1,80 auf 2,20 DM."Das hat Signalcharakter für die Zukunft", betonte Breuer.



Nur wer wächst, schafft neue Stellen



Ursula Weidenfeld



Nun ist es also heraus: Die Fusion der Deutschen Bank mit dem amerikanischen Bankriesen Bankers Trust wird die Deutsche Bank kurzfristig 5500 Jobs kosten.Zwar erst einmal in New York und London, wo beide Bankhäuser große Abteilungen im Aktien- und Devisenhandel und im Investmentbanking unterhalten.Wer aber schon bei Bekanntwerden der Fusion fürchtete, daß sie am Ende Arbeitsplätze kosten werde, statt welche zu schaffen, scheint nun recht zu behalten.

Auf den ersten Blick jedenfalls: Denn richtig wird die Rechnung nur, wenn man dagegenhält, wie die langfristige Arbeitsplatzbilanz in beiden Geldhäusern ohne die Fusion ausgesehen hätte.Bankers Trust ist nicht gerade eine erste Adresse unter den US-Banken, was Effizienz und Rentabilität angeht: Das Unternehmen hätte auch ohne das Zusammengehen mit den Deutschbankern Jobs abbauen müssen.Für die Deutsche Bank gilt dasselbe.Spätestens seit Anfang der 90er Jahre haben alle Frankfurter Großbanken Pläne in der Schublade, die auf Personalabbau hinauslaufen.Schließlich ist Deutschland immer noch das Land mit der größten Dichte an Bankfilialen in Europa.Ob mit oder ohne Fusion: Längst hat nicht mehr jede Filiale einen Kreditberater, einen Anlage- und einen Immobilienexperten.Und: Je mehr Geldautomaten aufgestellt und benutzt werden, je mehr Menschen ihre Geldgeschäfte im Internet abwickeln, desto geringer wird die Notwendigkeit, überhaupt noch eine Filiale zu unterhalten.

Genau hier aber entstehen die neuen Jobs für Banker: Direktbanken beschäftigen inzwischen Tausende von Mitarbeitern.Und wenn durch das Zusammengehen von zwei Unternehmen die bleibenden Arbeitsplätze wirklich sicherer werden, eröffnet das dem neuen Unternehmen Chancen zu wachsen - und irgendwann eimal in neuen Geschäftsfeldern auch wieder neue Arbeitsplätze zu schaffen.

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