Wirtschaft : Deutsche Börse erntet heftige Kritik für Dax-Umbau

Index-Kontinuität hat Vorrang: Finanzdienstleister MLP bekommt eine Gnadenfrist /EADS schafft den Sprung in den M-Dax

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Frankfurt (Main) (dpa). Die Entscheidung der Deutschen Börse über den Verbleib des Finanzdienstleisters MLP im Deutschen Aktienindex Dax stößt überwiegend auf Kritik. Das Argument, es habe an Alternativen gemangelt, teilen viele Beobachter nicht. Außerdem stören sich Experten an den Freiheiten, die sich die Börse bei ihren Entscheidungen nimmt. Denn während der Bauelementehersteller Epcos im November wegen des niedrigen Börsenwerts aus dem Dax flog, begründete das Beratungsgremium der Deutschen Börse AG die Gnadenfrist für MLP mit den Vorteilen der IndexKontinuität.

Alle drei Monate prüft die Börse, wie sich Handelsumsatz und Börsenwert der Unternehmen entwickelt haben, und legt danach fest, wer im Index bleibt oder gehen muss. Am späten Dienstagabend entschied sie nun, dass der Dax derzeit unverändert bleibt. Unterhalb des Dax brachte die Deutsche Börse nach der Sitzung ihres Beratergremiums die bislang umfassendste Neuordnung des deutschen Aktienmarktes auf den Weg. Die Änderungen treten am 24. März in Kraft.

Wegen des stark geschrumpften Börsenwerts galt der Verbleib von MLP im wichtigsten deutschen Auswahlindex als gefährdet und der Nivea-Hersteller Beiersdorf als aussichtsreichste Ersatzmöglichkeit. „Allmählich geht die Transparenz verloren“, kritisierte Georg Elsässer von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Für ihn hat die Entscheidung einen faden Beigeschmack, da der Aufstiegskandidat Beiersdorf alle Kriterien erfüllt hätte: „Die Übernahmegerüchte über Beiersdorf gibt es schon ewig. Kann die Gesellschaft dann nie in den Dax aufgenommen werden?“Auch die Fondsgesellschaft Union Investment stört sich am Ermessensspielraum der Börse. „Wenn diese Freiheiten geringer wären, gäbe es auch weniger Legendenbildung über die Gründe der Entscheidung“, sagte Rolf Drees von Union Investment.

„Die Aufnahme von Beiersdorf hätte nichts gebracht, wenn der Wert in zwei, drei Quartalen wieder wegen einer Übernahme herausfallen würde“, verteidigte jedoch der Index-Experte einer Großbank die Position der Deutschen Börse. „Wenn es einen Kandidaten wie Porsche gegeben hätte, wäre der Rauswurf von MLP zu 99 Prozent besiegelt gewesen, aber das ging nun einmal nicht.“ Porsche besitzt wegen seiner beharrlichen Weigerung, Quartalsberichte zu veröffentlichen, keine Zulassung zur Börsen-Oberliga „Prime Standard“. Dies ist aber Voraussetzung für die Aufnahme in einen Auswahlindex.

Für den Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), Klaus Schneider, ist nicht nachvollziehbar, warum Beiersdorf mit weit höherem Handelsumsatz und Börsenwert das Nachsehen gegenüber MLP gehabt habe. „Das spricht nicht für die Qualität des Dax“, sagte Schneider. Ein Beiersdorf-Sprecher nannte die Entscheidung „betrüblich, da unverständlich“.

Unterhalb des Dax werden die Börsenbarometer gestrafft, für ausländische Firmen geöffnet und nach Branchen sortiert. Künftig gibt es den M-Dax (nur noch 50 Werte) und den S-Dax für Unternehmen klassischer Wirtschaftszweige wie Auto, Pharma oder Finanzen sowie den Tec-Dax für Technologiefirmen. Schwergewichte im neuen Tec-Dax sind wie erwartet T-Online und der Bauelementehersteller Epcos. Der Aktie des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS schaffte es in den M-Dax für mittelgroße Unternehmen klassischer Branchen. EADS und die in Dublin ansässige Staatsfinanzierungsbank Depfa sowie Thiel Logistik und Teleplan gehören zu den ersten Firmen mit Sitz im Ausland, die im M-Dax notiert sind.

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