Wirtschaft : Deutsche Gaskonzerne investieren Milliarden in Russland

Eon und Wingas bauen nicht nur neue Pipelines, sondern wollen mit Gazprom erstmals auch selbst in Sibirien fördern

Dieter Fockenbrock

Berlin - Die beiden größten deutschen Erdgasversorger Ruhrgas und Wingas haben milliardenschwere Investitionen in den Ausbau ihrer Leitungsnetze angekündigt. Ziel ist es, mehr Erdgas aus Russland nach Westeuropa zu transportieren und damit den wachsenden Energiebedarf zu decken. Ungeachtet der Turbulenzen um den russischen Ölkonzern Jukos, wollen beide Unternehmen auch in Sibirien in die Förderung von Erdgas einsteigen. Partner ist jeweils Gazprom. Experten erwarten, dass der Bedarf an Erdgas in Westeuropa von derzeit 500 Milliarden Kubikmeter in 15 Jahren auf 600 bis 700 Milliarden Kubikmeter steigen wird.

Nach Einschätzung von Wingas-Chef Rainer Seele „steht das Erdgaszeitalter vor der Tür“. Gas werde in wenigen Jahren den heute dominierenden Energieträger Erdöl ablösen, sagte Seele am Freitag in Berlin. Wingas will zunächst 200 Millionen Euro vor allem in Thüringen investieren, um damit die Ost-West-Transportkapazitäten des eigenen Netzes um 50 Prozent zu erhöhen.

Die EU deckt heute 50 Prozent ihres Erdgasbedarfs aus eigenen Quellen. Großbritannien hat seine Felder in der Nordsee aber bald ausgebeutet und wird zum Importeur von Gas. Mitte des nächsten Jahrzehnts wird der Importbedarf Westeuropas deshalb auf 75 Prozent steigen. Weil der Gastransport an Leitungsnetze gebunden ist, werden vorerst die Lieferanten aus dem Nahen Osten keine große Rolle spielen. Die ehemaligen Staaten der Sowjetunion einschließlich Russlands dagegen sind leicht erreichbar und teilen sich mit den arabischen Staaten den Großteil der weltweiten Gasvorräte. Diese Quelle wollen Eon und Wingas verstärkt anzapfen.

Der größte deutsche Energiekonzern Eon plant, 2,4 Milliarden Euro in eine Gaspipeline durch die Ostsee zu investieren. Ab 2008 will Eon auch gemeinsam mit Gazprom Erdgas in Sibirien fördern. Dafür müssten noch einmal rund eine Milliarde Euro aufgewendet werden, hieß es. Die Vereinbarungen wurden anlässlich des Kanzler-Besuchs in Moskau getroffen. Nach Angaben von Eon- Chef Wolf Bernotat vom Freitag sollen die Investitionen vor allem durch das Einbringen von Vermögenswerten finanziert werden. Eon werde kein Bargeld bezahlen, sondern in erster Linie Beteiligungen wie die eigenen Anteile der Gazprom als Akquisitionswährung einsetzen. Eon ist über Ruhrgas mit 6,5 Prozent an dem russischen Gasriesen Gazprom beteiligt. Eine Aufstockung dieser Beteiligung schloss Bernotat aus.

Eon hatte Ruhrgas vor einem Jahr gegen den Widerstand des Kartellamtes übernehmen dürfen. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) war mit dem Argument überzeugt worden, dass Ruhrgas allein nicht über die notwendige Finanzkraft verfüge, um in die Gasförderung einzusteigen. Wingas-Chef Seele bezeichnete die in Moskau unterzeichnete Absichtserklärung denn auch als „erwartete Reaktion“, um den Auflagen der Ministererlaubnis zu genügen.

Auch zwischen Wingas und Gazprom gibt es enge Verbindungen. Die Russen sind mit 35 Prozent Gesellschafter der vor gut zehn Jahren gegründeten Vertriebsgesellschaft. Zweiter Aktionär mit 65 Prozent ist die BASF-Tochtergesellschaft Wintershall.

Seele begrüßte den Bau der Ostseepipeline, „weil sie für die Versorgung Westeuropas notwendig ist“. Zugleich deutete er an, dass Wingas sich möglicherweise bei dem Pipeline-Projekt beteiligen könnte. „Es gibt mehrere Möglichkeiten, an diesem Projekt zu partizipieren.“ Eon-Chef Bernotat hatte am Freitag gesagt, dass die endgültigen Verträge mit Gazprom bis Jahresende ausgehandelt werden sollen.

Nicht nur Eon, auch die Wingas-Muttergesellschaft plant nach Seeles Angaben, in die Gasförderung Russlands einzusteigen. Wintershall habe mit Gazprom schon vor längerer Zeit eine Vereinbarung zur Erschließung einer Quelle in Sibirien vereinbart. Werde das Projekt realisiert, „steht Wintershall mit 700 Millionen Dollar Investitionen in der Verpflichtung“. Seele sagte auch, dass die Jukos-Krise auf die Geschäfte mit Gazprom keinen Einfluss habe.

Gerichtsvollzieher haben am Freitag damit begonnen, wichtige Ölanlagen von Jukos in Sibirien nach Vermögenswerten zu durchsuchen. Eine Zerschlagung des Unternehmens streben sie nach eigenen Angaben aber nicht an. Die Regierung will 2,8 Milliarden Euro Steuerschulden eintreiben.

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