Wirtschaft : Deutsche Großkonzerne gliedern Geschäftsfelder und Beteiligungen aus und bringen sie an die Börse

Thomas Luther

Der Schreck für die Gehe-Aktionäre währte nur kurz. Gut elf Prozent oder 5,10 Euro verlor ihr Papier vor zwei Wochen. Doch ärmer geworden waren sie dadurch nicht - im Gegenteil. Zwei Tage später startete der Börsenhandel mit Takkt-Aktien. Jeder Gehe-Aktionär war dabei automatisch mit von der Partie, denn in seinem Depot lagen ab diesem Zeitpunkt genau so viele Takkt-Aktien, wie er Gehe-Anteile besaß - ohne dass er dafür zur Kasse gebeten wurde. Mit dem ersten Takkt-Kurs von 6,70 Euro machte er unter dem Strich ein sattes Plus. Takkt verkauft Büro-, Betriebs- und Lagereinrichtungen. Mit dem Stammgeschäft des Stuttgarter Konzerns, dem Handel mit Pharmaprodukten, hatte die ehemalige Gehe-Sparte nur eins gemein: Beides wird auf dem Versandwege vertrieben. Ansonsten verbindet beide "so gut wie gar nichts", sagt Georg Geyer, Vorstandschef von Takkt. Doch statt zu verkaufen, traf das Gehe-Management eine weise Entscheidung: Der Bereich wurde rechtlich verselbstständigt und an die Börse gebracht. Fortan sind Gehe-Aktionäre an beiden Unternehmen beteiligt - eine Premiere an der deutschen Börse.

Der nächste lupenreine Spinoff, wie die Abspaltung eines Unternehmensteils im Fachjargon heißt, steht schon in den Startlöchern. Am ersten Oktoberwochenende erhalten Hoechst-Aktionäre für jeweils zehn ihrer Aktien ein Celanese-Papier. Celanese repräsentiert den Ex-Hoechst-Bereich Industrielle Chemie. Läuft in beiden Fällen alles glatt, profitieren von dem Spinoff sowohl Mutter als auch Tochter - und die Anleger. "Aktien aus Spinoffs stehen in der Anlegergunst normalerweise ganz oben", weiß Frank Heise von Union-Investment. Die Aktie von Lucent Technologies zum Beispiel legte seit ihrer Abtrennung vom Telekommunikationskonzern AT & T 1996 um 500 Prozent zu. Und in Deutschland hat Fresenius Medical Care (FMC) - ein Ableger des Medizintechnikunternehmens Fresenius - die Mutter in puncto Börsenkapitalisierung und Performance überflügelt. Mit der skurrilen Folge, dass FMC jüngst in den Dax aufgestiegen ist, während Fresenius im M-Dax notiert.

Der Grund für den Erfolg der Töchter: Sie nutzen die unternehmerische Freiheit, die ihnen die Unabhängigkeit von der Mutter gibt. "Wir können jetzt allein und damit schneller über unser Geschäft und unsere Wachstumsstrategie entscheiden", stellt Takkt-Chef Geyer fest. "An der Börse wird es honoriert, wenn man als Unternehmen transparent macht, wo und womit man sein Geld verdient." Nicht selten werden sogenannte "pure plays" mit einem Aufschlag gehandelt. Schließlich kann der Anleger damit sein Depot sehr viel genauer nach einzelnen Branchen und Segmenten spezifizieren als mit integrierten Großkonzernen. Bei RWE zum Beispiel kauft er keinen reinen Energielieferanten, sondern auch Aktivitäten im Bereich Maschinenbau (Heidelberger Druck) und Bau (Hochtief).

Spinoffs helfen deshalb auch den Kursen des Mutterunternehmens auf die Beine. "Die Investmentwelt will fokussierte Investmentideen", weiß Thomas Schiessle von Delbrück Asset Management, "getreu dem Motto: Schuster, bleib bei Deinen Leisten!" Gemischtwarenläden sind out an der Börse. Seit zum Beispiel Hoechst-Vorstandschef Jürgen Dormann den Frankfurter Chemiekonzern entrümpelt, um ihm ein klares Profil zu verpassen, glänzt die Aktie mit überdurchschnittlichen Kursgewinnen. Immer mehr Konzernlenker durchforsten deshalb ihr bisweilen unübersichtliches Portfolio und verkaufen Töchter, die nicht mehr zur Strategie passen. Bayer zum Beispiel brachte in diesem Frühjahr 65 Prozent seiner Anteile an Agfa an die Börse. Veba gab 25 Prozent seiner Logistik-Tochter Stinnes an das Anlegerpublikum ab, und aus dem Metro-Besitz strebte Maxdata an den Neuen Markt. Seit Montag können die Anleger Aktien von Epcos zeichnen - ehemals ein Joint Venture von Siemens und Matsushita im Bereich Passive Bauelemente. Allesamt sind sie allerdings keine lupenreinen Spinoffs, denn im Gegensatz zu Takkt und Celanese müssen die Altaktionäre ebenso wie außenstehende Anleger für die neuen Aktien zahlen. Sie profitieren bestenfalls über eine Kurssteigerung ihrer Altanteile.

Der Verkauf über die Börse ist zudem lukrativ. Professionelle Mitbewerber zahlen selten mehr als das Zehnfache des Jahresgewinns. Ein gut vorbereitetes Going-Public bringt dagegen das Zwölf bis 15-fache in die Kasse des Verkäufers. Am Neuen Markt waren bislang auch Preis-Gewinn-Verhältnisse von 20 oder 30 möglich. Kein Wunder, dass zum Beispiel die Deutsche Telekom oder Mobilcom darüber nachdenken, ihre Mobilfunk- beziehungsweise Internetsparte an den Neuen Markt zu bringen. Denn auf diese Weise schaffen sich die Unternehmen eine höchst kaufkräftige Akquisitionswährung. Statt neue Beteiligungen in Cash zu bezahlen, geben sie Aktien ihrer Tochter.

André Köttner warnt allerdings vor übertriebener Euphorie bei Spinoffs. "Mit dem Label Internet oder Software können Unternehmen derzeit eine Menge Geld verdienen", so der bei der Union für Computer- und Internetwerte zuständige Fondsmanager. "Aber das Konzept muss stimmen." Anleger sind also gut damit beraten, bei Spinoffs so kritisch wie bei jeder anderen Neuemission zu sein.

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