Wirtschaft : Deutsche Post: "Die Angst ist noch nicht vorbei"

Herr Zumwinkel[für 21 Euro haben die Anleger]

Klaus Zumwinkel ist seit Herbst 1989 Vorstandschef der Deutschen Post AG. Der 1943 in einer Unternehmerfamilie geborene Betriebswirt hat in den vergangenen Jahren aus der deutschen Post-Behörde einen börsennotierten Logistikkonzern gebildet. Das Führen großer Unternehmen lernte Zumwinkel beim US-Unternehmensberater McKinsey. Zehn Jahre lang arbeitete er dort und verließ das Unternehmen 1984, um den Handelskonzern Quelle, dessen Vorstandschef er zwei Jahre lang war, zu sanieren.

Herr Zumwinkel, für 21 Euro haben die Anleger am 20. November 2000 Post-Aktien gekauft. Jetzt, ein Jahr danach, liegt der Kurs bei rund 17 Euro. Wann werden die Post-Aktionäre wieder Geld verdienen?

Ich bin mit dem Kurs absolut nicht zufrieden. Im Vergleich zum Deutschen Aktienindex Dax sieht es aber immer noch relativ günstig aus. Von einer Trendwende der Aktienmärkte wird auch die Deutsche Post profitieren. Da bin ich sicher. Wann das sein wird, das kann ich natürlich nicht prognostizieren.

Erkennen die Anleger den wahren Wert des Unternehmens nicht?

Wer unsere Ergebnisse in diesem Jahr ansieht, erkennt, dass wir 2001 der Fels in der Brandung sind. Über die ersten drei Quartale des Jahres konnten wir unsere Prognosen bestätigen und beweisen, wie kräftig der Konzern ist. Das gelang nur sehr wenigen Unternehmen.

Bundesfinanzminister Hans Eichel erwägt, sich zur Finanzierung des Bundeshaushaltes im kommenden Jahr von Aktien zu trennen. Wird es die Anleger weiter verunsichern, wenn der Bund nicht mehr Hauptaktionäre der Post ist?

Ursprünglich war geplant, dass der Bund mit dem kommenden Jahr beginnend in Teilen Aktienpakete an den Markt bringt. Mit dem Auslaufen der Exklusivlizenz im Briefgeschäft 2007 sollte dieses Projekt abgeschlossen sein. Bleibt die Marktlage so wie sie ist, wird dies der Bundesfinanzminister wohl nicht tun. Sollte der Bund irgendwann einmal Aktien an die staatseigene Bank KfW verkaufen und sich damit Geld verschaffen, wird das den Finanzmarkt in keiner Weise zu berühren.

Die Logistik-Branche ist von den stark schrumpfenden Wachstumsraten in diesem und auch im kommenden Jahr betroffen. Wird die Post 2002 so wachsen können wie in diesem Jahr?

Unsere Ziele für Gewinn- und Umsatzentwicklung für dieses Jahr, da bin ich sicher, werden wir erreichen. Das war bis in den Oktober hinein so und das vor uns liegende Weihnachtsgeschäft ist traditionell eine gute Zeit für die Deutsche Post. Das kommende Jahr wird sehr stark von der konjunkturellen Entwicklung im vierten Quartal 2001 abhängen. Die Terroranschläge vom 11. September und die Folgen daraus berühren natürlich unser Geschäft. In welcher Weise sie die Unternehmensentwicklung 2002 ganz konkret beeinflussen, kann ich erst nach der Analyse der letzten Monate des Jahres einschätzen.

Wo liegen die Risiken?

Die gesamte Luftfracht- und Expressbranche leidet unter den Terrorfolgen und der schlechten Konjunktur vor allem in Amerika. Wir werden sehen müssen, welche Auswirkungen das auf das weltweite DHL-Geschäft und vor allem die Entwicklung von DHL in Amerika hat. Für den Konzern insgesamt bin ich recht zuversichtlich, weil wir durch das Postbank-, Brief-, Express und Danzas-Geschäft sehr breit aufgestellt sind und leichter als andere partielle Geschäftsrückgänge verkraften können.

Was könnte den Negativtrend im Express- und Luftfrachtgeschäft innerhalb des Post-Konzerns kompensieren?

In der Krise besinnen sich die Industrieunternehmen auf Kernmärkte. Das Outsourcing von Lager- und Transportkapazitäten kommt der Logistikbranche zugute. Und auch die Transportkomponente vom E-Business verschafft uns neue Aufträge. Hinzu kommt, dass wir neue Märkte erschließen. Erst vor wenigen Tagen war ich in Indien und China, um dort unsere Präsenz zu begründen und neue Chancen auszuloten.

Sind das kurzfristig geschäftswirksame Bereiche? Gerade die Wachstumserwartungen im Internet-Geschäft mussten sehr stark revidiert werden und werden wohl den konjunkturell bedingten Rückgang des Welthandels nicht kompensieren können.

Gewiss, die Hoffnungen sind vorerst nicht in dem Umfang eingetreten. Aber das E-Business gehört trotz der geplatzten Internet-Blase an den Finanzmärkten zum Wachstumsbereich für Logistiker wie die Deutsche Post World Net. Welche Auswirkungen das schwache Wachstum der Konjunktur in Europa und die Rezession in Amerika auf unser Ergebnis haben, hängt allerdings in stärkerem Maße von der Entwicklung in anderen Bereichen ab. Etwa von den Entscheidungen der werbetreibenden Wirtschaft, die rund 85 Prozent unserer Briefumsätze sichert. Wenn die Unternehmen aus Kostengründen ihre Werbeaktivitäten einschränken, weniger Proben oder Werbebriefe verschicken, betrifft das unser Briefgeschäft unmittelbar. In Amerika spüren wir - auch wegen des Milzbrand-Themas - schon die Zurückhaltung bei Direct-Mail-Aktionen. Wie stark vor allem die US-Unternehmen 2002 im Direct-Mailing tätig werden, das hängt ganz stark davon ab, wie lange die Angst vor Terror im Bewusstsein bleibt. Ich glaube, auch hier können wir konkretere Aussagen erst treffen, wenn das Jahr vorrüber ist.

Mit dem Ziel, weltgrößter Logistik-Konzern zu werden, sind Sie ja mit großen Erwartungen nach Amerika aufgebrochen. Inwiefern hat der 11. September ihre kurzfristigen Expansionspläne über den Haufen geworfen?

Unsere Ziele in Amerika waren von Anfang an realistisch. Und die Geschäfts-Entwicklung von Danzas und DHL im Amerika-Markt beunruhigt mich nicht. Denn sie entspricht dem Branchentrend. Natürlich werden wir unsere nächsten Schritte in Amerika auch von der konjunkturellen Erholung abhängig machen. Eine Vergrößerung unserer Aktivitäten steht allerdings im Augenblick nicht zur Diskussion.

Heißt das, Sie erwarten noch längere Geschäftsbeeinträchtigung aus den Terroranschlägen?

Ganz sicher kann heute niemand sein. Die Furcht vor Milzbrand hat unsere Mitarbeiter Zeit, Kraft und Nerven gekostet. Auch in Europa, obwohl es hier gar keine bestätigten Fälle gab, wurden ganze Briefzentren zeitweilig stillgelegt. Und die Angst ist noch nicht vorbei. Bisher hat uns das allerdings weniger als eine Million Euro gekostet.

Seit längerem wird darüber spekuliert, dass die Post in Amerika Unternehmen kaufen will. Jetzt in der Krise wären die Konditionen doch günstig?

Nach dem 11. September sind aber auch die Risiken gewachsen. Wir werden erst einmal abwarten. Das betrifft auch unsere Akquisititionsvorhaben in Asien und Europa.

Ihre Wettbewerber haben in der vergangenen Woche vor Gericht durchsetzen können, dass sie bei konkreter Terminbestellung Briefe transportieren können, die eigentlich zum Bereich Ihrer Exklusivlizenz gehören. Höhlt dies Ihr Monopol aus?

Zunächst einmal: Gegen das Urteil der vergangenen Woche werden wir in Berufung gehen. Insgesamt gilt, dass die Marktanteile unserer Konkurrenten im kleinen Bereich geblieben sind. Und das ist ja politisch auch gewollt. Schließlich sichern wir durch Briefkästen und Postfilialen den Universaldienst. Trotzdem gibt es immer mal wieder richterliche Entscheidungen, die Wettbewerbern Geschäfte im so genannten geschützten Briefmarkt gestatten. Wenn ein Wettbewerber einen wirklichen Mehrwert anzubieten hat, dann gestattet ihm das Gesetz Geschäfte im Bereich der Exklusivlizenz. Wir werden das allerdings in jedem Fall genau analysieren. Es gibt nämlich nur ganz wenige Fälle, die auch tatsächlich durch das Gesetz abgedeckt sind.

Es gibt offenbar immer mehr Anbieter und auch Kunden, die sich eine Briefbeförderung ohne die Post vorstellen können. Geht die Verlängerung des Monopols von 2003 auf 2007 durch die Bundesregierung am Markt vorbei?

Das ist überhaupt nicht relevant. Wenn sich die Europäer zur Liberalisierung eines Marktes entscheiden, dann muss das auch überall gleichmäßig sein. Schließlich gilt es, die Wettbewerbsgleichheit zu beachten. Mir persönlich wäre es am liebsten, die Postmärkte wären überall dem Wettbewerb zu 100 Prozent zugänglich. Die Betonung liegt allerdings auf "überall". Es kann nicht sein, dass etwa französische Unternehmen hier tätig werden, während deren Märkte uns versperrt bleiben. Welche Fehler gemacht werden können, zeigt ja der Strommarkt bereits.

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