Wirtschaft : Deutschland, deine Tarife und Rituale

Wie Gesamtmetall gegen Lohnsteigerungen wirbt

Sebastian Bickerich

Wenn Menschen ein Wort besonders oft in den Mund nehmen als schlimmes Ding, vor dem sie Mitmenschen warnen müssen – vielleicht „Süßigkeiten“ oder „vorehelicher Sex“ – dann haben sie dieses Wort oft auch irgendwie lieb gewonnen. Der „voreheliche Sex“ von Gewerkschaften und Arbeitgebern heißt „Rituale“.

„Die Arbeitgeber müssen endlich mal mit ihren Ritualen aufhören und ein konkretes Angebot machen“, klagt Werner Büscher, Betriebsratsvorsitzender des westfälischen Elektronikunternehmens Vahle. In der Kamener Firma, die Stromschienen für Achterbahnen und den Transrapid herstellt, hat sich hoher Besuch angekündigt: Michael Jäger, Präsident der Metallarbeitgeber in NordrheinWestfalen ist gekommen, aus Berlin Heike Maria Kunstmann. Die 40-jährige Hauptgeschäftsführerin ist so etwas wie die „smart bomb“ der Arbeitgeber, eloquent, charmant – und hart in der Sache. Beide sind sie angereist, um hier vor Ort zu sehen, wie ein klassischer, mittelständischer Betrieb sich mit der Globalisierung herumschlägt – und um zu zeigen, dass Lohnerhöhungen von fünf Prozent, wie die IG Metall sie in der diesjährigen Lohnrunde fordert, um Längen zu hoch sind. Es ist ein Besuch mit Symbolkraft: Sollen die Löhne im noch immer wichtigsten deutschen Industriezweig erstmals seit Jahren wieder real steigen oder soll der Trend zum Lohnverzicht weitergehen?

„Lohnerhöhungen oberhalb der gesamtwirtschaftlichen Produktivität sind Rituale und schneiden in die Beschäftigung ein“, trägt Kunstmann vor. Da sind sie wieder, die Rituale. Behende wirbelt Kunstmann mit Grafiken herum, spricht von Industrieclustern, von „local content“ und von Beschäftigungsverlusten. 450 000 Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie sind bedroht, zitiert sie aus einem Gutachten des arbeitgebernahen Instituts für Wirtschaft in Köln. 1,2 Prozent – das bisher nicht offiziell ausgesprochene Abschlussziel der Arbeitgeber, das sei kein Angebot, sondern ein volkswirtschaftlicher Zusammenhang.

Für einige ihrer Argumente liefert sie dann gleich auch handfeste Beispiele. So würde die Metallbranche, die zu zwei Dritteln vom Export lebt, unmittelbar kaum von Lohnerhöhungen profitieren. „Die Leute kaufen sich auch mit fünf Prozent mehr Lohn keinen Gabelstapler“, sagt sie – dafür werden eben diese Gabelstapler im Ausland teurer. Und auch die Lohnkosten sind bei den Mittelständlern, die in der Branche über zwei Drittel der Umsätze erzielen, viel höher als bei Großkonzernen: Bis zu 30 statt fünf Prozent.

Werner Büscher, den Betriebsrat und IG Metaller, ficht all das nicht an. Der gelernte Dreher, seit 16 Jahren Arbeitnehmervertreter, seit 32 Jahren im Betrieb, kennt die Argumente der Arbeitgeber genau. „Managementfehler“ hätten die jahrelange Expansion seines Unternehmens zum Stillstand gebracht. Seit Ende der 90er Jahre stagniert die Mitarbeiterzahl bei rund 400, auch die Umsätze stiegen seitdem kaum mehr. „Dass wir im letzten Jahr aber wieder zulegen konnten – um satte elf Prozent –, liegt an den Überstunden, die wir geleistet haben“, sagt Büscher. Zudem habe die Arbeitnehmerseite gerade eine Betriebsvereinbarung unterschrieben, die Arbeitszeitkonten zulässt. Für den Arbeitgeber ein gewaltiger Vorteil, da die Mitarbeiter Überstunden ansammeln können und Zuschläge wegfallen. „Dafür wollen wir eine Gegenleistung sehen“, sagt Büscher.

„Steigende Löhne machen unsere Produkte teurer“, fürchtet dagegen VahleChef Josef Hötte. Hötte begründet die Stagnation der Unternehmenszahlen mit der Konkurrenz aus Asien und dem für die Stromschienen-Produktion entscheidenden Kupferpreis, der sich seit 1999 von 1,50 auf 2,75 Euro pro Kilogramm nahzu verdoppelt habe.

Noch haben die Arbeitgeber kein konkretes Angebot gemacht vor der dritten Tarifrunde am 23. März. Und so wie es aussieht, wird sich ein Streik nach Ende der Friedenspflicht am 28. März kaum vermeiden lassen. Dann werden sie wieder kommen, die Rituale. Streikposten. Aussperrungen. Nachtsitzungen. Übermüdete Tarif-„Partner“, die morgens aus verrauchten Sitzungssälen verkehrsgünstiger Kongresshotels kommen. Arbeitgeber und Gewerkschaften wissen: Am Ende der Verhandlungen geht es nur um eine Zahl. Zwei Komma irgendwas Prozent – für beide Seiten haben sie sich erst dann gelohnt, die Rituale.

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