Wirtschaft : DGB: 250 000 Arbeitsplätze statt Überstunden

BERLIN/CHEMNITZ (ADN/pys).Zwischen dem Deutschen Gewerschaftsbund (DGB) und den Arbeitgebern ist erneut ein heftiger Streit über die Überstunden ausgebrochen.Der DGB-Vorsitzende Dieter Schulte forderte einen drastischen Abbau.Dem widersprach energisch der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt.Auch die großen Berliner Unternehmen sehen keine Möglichkeit durch den Abbau von Überstunden neue Jobs zu schaffen.Man müsse auch an die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen denken, hieß es.

Allein durch eine Verringerung von 20 Prozent der rund 1,8 Mrd.jährlichen Überstunden ließen sich 250 000 Arbeitsplätze schaffen, sagte DGB-Vorsitzender Dieter Schulte der Chemnitzer "Freien Presse".Die Unternehmen hätten aber in den vergangenen Jahren die Zahl der Beschäftigten so drastisch abgebaut, daß Überstunden inzwischen unausweichlich seien.Außerdem seien die Arbeitnehmer allein aus Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes zu der "Mehrarbeit" gezwungen.

Scharf kritisierte Schulte gegenüber der Zeitung das geltende Arbeitszeitgesetz, das eine Arbeitszeit bis zu 60 Stunden wöchentlich erlaube.Die Gewerkschaften würden nach der Wahl am 27.September eine Gesetzesänderung von der neuen Bundesregierung einfordern, kündigte der DGB-Vorsitzende an.

Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Dieter Hundt, lehnte die Forderung der Gewerkschaften nachdrücklich ab.Weniger Überstunden seien kein goldener Schlüssel im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, sagte Hundt derselben Zeitung.Er nannte die Berechnungen des DGB eine "Milchmädchenrechnung".Deutschland habe den niedrigsten Stand an Überstunden seit der Wiedervereinigung.

Nach Auffassung des BDA-Präsidenten würde ein weiterer Abbau der Überstunden die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe maßgeblich beeinträchtigen.Die Unternehmen brauchten Überstunden als einen unverzichtbaren "Arbeitszeitpuffer", betonte Hundt.

Auch die großen Berliner Unternehmen bestreiten, daß sie mit dem Abbau von Überstunden neue Arbeitsplätze schaffen könnten."Wir müssen ja auch an die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens denken", wendet Schering-Sprecher Michael Langenstein ein, der für die Firma keine Möglichkeit sieht, mit den gesammelten Überstunden neue Arbeitsstellen in Berlin einzurichten: "Rein rechnerisch kämen durch den Kapazitätsüberhang vielleicht 40 Stellen zusammen", aber die Überstunden fielen sehr diskontinuierlich und punktuell in verschiedenen Bereichen an, mal in Sekretariat, mal in der Logistik."Es gibt ja niemanden, der sofort und überall, wo Überstunden entstehen, einspringen könnte, dafür bräuchte man einen Superexperten", gibt Langenstein zu bedenken.

Ähnlich lautet die Antwort bei Herlitz: Engpässe entstünden immer nur sehr vereinzelt in verschiedenen Abteilungen, erläutert Berndt Fürstenberg, Leiter des Personalwesens beim Büroartikelhersteller."Um Überstunden zu verhindern, müßte man immer ganz kurzfristig jemanden mit dem entsprechenden Fachwissen einstellen, und den findet man so schnell nicht.Bis so jemand eingearbeitet ist, vergeht vielleicht ein dreiviertel Jahr, und bis dahin ist das Problem längst nicht mehr da."

Mit ihrem Jahresarbeitszeitmodell mit Zeitkonten für Arbeiter und Gleitzeit mit Freizeitausgleich für Angestellte seien Überstunden ohnehin kein großes Problem bei Herlitz.Die Überstunden im gewerblichen Bereich gehen bei dem Berliner Papierwarenhersteller auf ein sogenanntes Zeitkonto: Die Stunden werden dann entweder abgebaut, oder ausgezahlt."Einen beschäftigungspolitischen Effekt gibt es da nicht", sagte Fürstenberg."Die Summe der Überstunden in einer Abteilung ergibt nicht den Platz für eine neue Arbeitskraft", so Fürstenberg.

"Wir versuchen, die Überstunden im Vorneherein so gering zu halten, daß sie gar nicht erst zum Problem werden", sagt Klaus Wazlak, Sprecher der Berliner-Verkehrs-Betriebe (BVG).Überstunden würden bei der BVG durch die flexible Gleitzeitregelung abgebaut, sie würden nur hin und wieder bei einzelnen Projekten entstehen.Grundsätzlich aber würde man versuchen, sie zu vermeiden.

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