Wirtschaft : „Die Auswirkung ist gleich null“

Die Unternehmensteuerreform hat Henkel gar nichts gebracht, beklagt Konzernchef Ulrich Lehner. Die deutschen Klimaziele hält er dagegen für richtig

Was nehmen Sie sich für Ihre letzten neun Monate an der Spitze von Henkel vor?

2007 soll erneut ein gutes Jahr werden. Ich möchte meinem Nachfolger ein gut aufgestelltes Unternehmen hinterlassen.

Gutes Jahr heißt…

…dass wir den Ausblick, den wir gegeben haben, erfüllen werden. Dass wir das Geschäft laufend strategisch beobachten und alle Maßnahmen einleiten, die uns wettbewerbsfähig halten.

Sie übergeben das Geschäft mit einer Umsatzrendite von zwölf Prozent?

Es wird sich zeigen, mit welcher Rendite ich die Führung übergebe. Wir wissen, dass das Ziel anspruchsvoll ist, aber wir bleiben dabei. Wenn ich am 14. April 2008 aus der Geschäftsführung ausscheiden werde, wird es allerdings erst die Bilanz für 2007 geben. Das Renditeziel von zwölf Prozent haben wir uns für 2008 gesetzt. Grundsätzlich darf man nie zu kurzfristig denken.

Sie haben für 2007 ein Umsatzwachstum von drei bis vier Prozent vorhergesagt.

Wir gehen davon aus, dass wir am oberen Rand dieser Prognose vom Jahresanfang liegen werden.

Wie sieht das Umsatzwachstum in Deutschland aus?

Es ist erfreulicherweise wieder da, mengen- wie wertmäßig. Ich wünsche mir allerdings, dass uns in Deutschland die bessere wirtschaftliche Situation nicht davon abhält, die notwendigen Reformen einzuleiten, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt. Wir brauchen mehr Flexibilität.

Die Unternehmensteuerreform kommt Ihnen aber recht, oder?

Die Öffentlichkeit hat sich zu stark mit den Steuersätzen beschäftigt. Die Steuerbelastung für die Unternehmen ergibt sich allerdings durch Steuersatz mal Bemessungsgrundlage. Da gibt es eine Reihe von Veränderungen, die den niedrigeren Steuersatz kompensieren. Die Auswirkung der Steuerreform ist daher nicht maßgeblich.

Können Sie das beziffern?

Ja. Die Auswirkung ist gleich null.

Null?

Null. Schön wäre es gewesen, wenn wir ein einfacheres Steuerrecht bekommen hätten, was längere Zeit ohne Veränderung auskommt. Wenn wir die Steuerwirklichkeit anschauen, haben wir drei Zeiten mit denen wir uns auseinandersetzen: Wir beschäftigen uns aktuell mit der Steuererklärung. Das setzt die Beherrschung des geltenden Steuerrechts voraus. Außerdem sind wir Gegenstand der Betriebsprüfung. Da geht es um Steuerrecht der Vergangenheit. Und dann müssen wir natürlich auch Planungssicherheit für die Zukunft haben. Uns fehlt ein stabiles System.

Also muss die nächste Steuerreform her?

Es muss endlich eine richtige Steuerreform her. Und wenn Europa die dynamischste Wirtschaft der Welt werden soll, brauchen wir eine Harmonisierung in vielen Bereichen, aber auch und vor allem im Steuerrecht. Wir müssen derzeit mit unseren Tochtergesellschaften im europäischen Ausland steuerlich umgehen wie mit Fremden.

Aber eine steuerliche Harmonisierung in der EU ist doch nach jetzigem Stand überhaupt nicht vorstellbar.

Genau. Das ist das Problem. Wenn wir mit anderen Wirtschaftsräumen dieser Welt erfolgreich in einen Wettbewerb treten wollen, dann brauchen wir ein homogeneres Europa. Wir brauchen ein wirkliches Europa. Wir brauchen eine europäische Verfassung. Wir brauchen eine europäische Außenpolitik.

Das ist nicht absehbar. Tummelt sich Henkel dann eben in anderen Märkten?

Nein. Erstens tummeln wir uns nicht. Zweitens erinnern wir die Politik regelmäßig daran, was sie sich vorgenommen hat. Wir hoffen weiter, dass die Vernunft sich durchsetzt. Wir haben ein sehr großes Interesse, auf unseren Heimatmärkten aktiv zu sein. Europa, Afrika und Nahost macht immer noch über 60 Prozent unseres Geschäfts aus. Da wollen wir weiter wachsen. Aber wir nutzen auch unsere Chancen auf anderen Märkten – keine Frage.

Der jüngste Gipfel hat gezeigt, wie weit die EU von Ihren Vorstellungen entfernt ist. Was sehen Sie, wenn Sie das verfolgen?

Dass es ein sehr komplizierter Prozess ist. Da finden Interessen- und auch Güterabwägungen statt, trotzdem wünsche ich mir klare Worte. Und ich hätte mir in den vergangenen Jahren gewünscht, dass wir Europa aus einem Kerneuropa heraus langsam entwickeln. Die schnelle Erweiterung war ein Fehler, weil sie zu früh kam.

Das heißt, Sie wünschen sich ein Europa der zwei Geschwindigkeiten?

Die Zeit der zwei Geschwindigkeiten ist vorbei. Jetzt müssen wir sehen, dass wir ein Europa der hohen Geschwindigkeit kriegen.

Die EU hat sich weit reichende Klimaziele gesetzt. Die Bundesregierung will die Energieeffizienz jährlich um drei Prozent steigern. Welchen Beitrag leistet Henkel?

Es liegt in unserem großen Interesse, möglichst wenig Energie einzusetzen. Sie können unserem Nachhaltigkeitsbericht entnehmen, dass wir da deutliche Fortschritte machen.

Der Bundesverband der deutschen Industrie befürchtet eine „schleichende Deindustrialisierung“, wenn es bei den Klimazielen bleibt. Das sehen Sie also anders?

Ich sehe erst mal den positiven Schub, dass jeder durch diese Ziele aufgerufen ist, weniger Energie einzusetzen. Da gibt es vielfältige Ansatzmöglichkeiten – zu Hause, im Verkehr, bei der Energieerzeugung. In allen Bereichen kann man enorm viel Energie sparen. Wir sollten nicht lamentieren, sondern das Notwendige tun. Wenn es uns gelingt, beim Energiesparen und bei der Stromerzeugung führend zu sein, dann schafft das Arbeitsplätze. Dabei schließe ich die Atomkraft bewusst nicht aus.

Wie lange dauert der Aufschwung noch?

Die Weltökonomie ist gut im Tritt. Aber die USA entwickeln sich anders als Asien, insbesondere China. Auch Branchen und Unternehmen sind unterschiedlich erfolgreich. Insgesamt sehe ich eine stabile Entwicklung und seit vielen Jahren endlich wieder einen Aufschwung in Europa. Da ist kein Ende in Sicht. Aber alles Wirtschaften ist zyklisch.

Das ist eigentlich ein Systemfehler, oder?

Natürlich hat die Marktwirtschaft Schwächen, weil uns der liebe Gott alle nicht perfekt gemacht hat. Aber wenn wir sie mit der Planwirtschaft vergleichen, sind diese Schwächen akzeptabel. Demokratie und Marktwirtschaft sind spannend im Paket: Die Menschen stimmen mit der Stimme und mit dem Euro ab.

Inwiefern spüren Sie den Aufschwung im Konsumentengeschäft? Die Menschen waschen sich doch nicht öfter die Haare, weil die Wirtschaft besser läuft?

Wir spüren den Aufschwung natürlich vor allem als industrieller Zulieferer. Aber die Menschen greifen schon zu mehr Kosmetika und gehen auch mit ihrem Haushalt sorgfältiger um. Da verändert sich etwas. Es ist eindeutig festzustellen, dass die Menschen wieder bereit sind, mehr auf Qualität zu setzen, weil sie sich mehr leisten können.

„Geiz ist geil“ ist von gestern?

Die Frage ist, was „Geiz ist geil“ war. Die Bedürfnisse sind grenzenlos, entfalten sich aber nur über Kaufkraft. Wenn die Kaufkraft absolut gering ist, wenn sogar zu befürchten ist, dass sie noch abnimmt, dann gibt man das Geld nur zurückhaltend aus – dann muss man sehr sparsam sein. Wenn die Zuversicht mit abnehmender Arbeitslosenzahl steigt, dann wächst auch die Bereitschaft, Geld auszugeben. Dann ändert sich die Mentalität. Es ist heute nicht mehr so, dass der Preis das einzige Kriterium der Kaufentscheidung ist. Die Leute erfreuen sich wieder an einem größeren Sortiment. Auswahl macht Freude. Insofern ist die Mentalität „Geiz ist geil“ vorbei.

Können Sie etwas mit dem Wort von der patriotischen Verantwortung von Unternehmern anfangen?

Natürlich. Wir erzielen 80 Prozent unserer Umsätze außerhalb von Deutschland. Wir sind in über 125 Ländern dieser Welt tätig. Wir versuchen, in jedem dieser Länder gute Bürger zu sein. Wir sind gute Patrioten, wo immer wir sind.

Als Sie die Geschäfte von Ihrem Vorgänger übernommen haben, haben Sie auf Kontinuität gesetzt. Erwarten Sie das von Ihrem Nachfolger Kasper Rorsted auch?

Unternehmen sind Systeme, die von Teams geführt werden. Insofern gibt es ohnehin eine Kontinuität. Wenn es gut läuft, sollte man keine Veränderungen vornehmen. Wenn sich herausstellt, dass es falsch war, muss man verändern.

Ihr Nachfolger ist kein Henkelaner und auch kein Düsseldorfer Jung’ wie Sie.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Henkel muss nicht notwendigerweise Düsseldorfer sein. Wir hatten mit Helmut Sihler schon einen Österreicher an der Spitze. Wenn ich weggehe, sind vier von fünf Mitgliedern der Geschäftsführung Nicht-Deutsche.

Hat sich Ihr Blick auf Ihren Job verändert, seitdem Ihr Nachfolger feststeht?

Es ist eine ganz schwierige Aufgabe, einen Nachfolger zu finden. Einen, dem man vertraut, bei dem man denkt, das Unternehmen ist in besten Händen. Und deswegen bin ich jetzt ein bisschen entspannter.

Was machen Sie jetzt mehr oder anders als vorher?

Ich versuche jetzt, ihm die Erfahrung zu vermitteln, die ich gewonnen habe, um den Wechsel bestmöglich vorzubereiten.

Laufen Sie mehr Marathons als vorher?

Nein, dazu fehlt mir die Zeit. Neben meiner eigentlichen Tätigkeit arbeite ich gemeinsam mit Kasper Rorsted an einer erfolgreichen Übergabe. Das ist das Spannende: Wir werden nicht langsamer, sondern wir machen Tempo, um bei der Wechselmarke auf hoher Geschwindigkeit zu sein.

Laufen Sie den Berlin-Marathon in diesem Jahr?

Nein. Ich laufe in diesem Jahr nur New York. Ich hatte ein Riesenglück. Ich bin inBerlin im ersten Jahr nach dem Mauerfall gelaufen. Das war Wahnsinn, da wurde für uns extra das Brandenburger Tor aufgemacht. Und New York bin ich auch 2001 gelaufen – sechs Wochen nach dem 11. September. Berlin würde ich gerne noch mal machen, aber ich laufe nur einen Marathon im Jahr. Nächstes Jahr vielleicht, vielleicht laufe ich da ein paar mehr.

Das Interview führte Moritz Döbler.

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