Wirtschaft : Die Börse spiegelt die gute Stimmung (Leitartikel)

Heik Afheldt

An den Börsen geht die Post ab. Die Aktionäre haben gut lachen. Ihr Geld arbeitet für sie, und das höchst erfolgreich. Fast 50 Prozent reicher ist seit Mitte Oktober 1999 geworden, wer auf den Aufschwung der deutschen Wirtschaft und die Aktien des DAX gesetzt hat. Und auch die anderen Börsen rund um den Globus melden kräftige Kursgewinne. Aktionärsherz, was willst Du mehr!

Heute ärgert sich, wer die dauernden Warnungen vor überhöhten Kursen ernst genommen hat und ausgestiegen ist, wer Telekom oder Mannesmann zu früh verkauft hat. Und ärgern sollten sich vor allem die, denen Aktien überhaupt zu riskant sind, die in den Börsen die verruchten Spielplätze des Casino-Kapitalismus sehen und deshalb ihr Geld lieber auf Sparkonten oder in festverzinslichen Papieren anlegen. Diese rechtschaffenen Menschen, die noch selber arbeiten und das nicht nur ihr Geld tun lassen, erscheinen als die Gelackmeierten.

Sind sie das? Oder lachen sie zuletzt doch am besten? Welche realen Werte stecken hinter den enormen Kursgewinnen vieler Papiere und was ist nur heiße Luft? Für die Vereinigten Staaten ist die Antwort klar: Die reale Wirtschaft boomt unvermindert weiter, die Erwerbsquote steigt und die Realeinkommen auch. Alle haben "mehr Cash in de Täsch", und die Unternehmen machen höhere Gewinne. Die Kurse spiegeln das wieder. Dass der Dow Jones Index neuen Rekordmarken zustrebt, ist deshalb plausibel. Ähnliches gilt nun für Deutschland. Das Allzeithoch des DAX von diesem Mittwoch reflektiert die Aufbruchstimmung in weiten Teilen der deutschen Wirtschaft. Nur Japan bleibt rätselhaft. Der Sprung des Nikkei über die 20 000er-Marke vermittelt den Eindruck, auch die japanische Wirtschaft feiere ein Comeback. Aber tatsächlich schleicht sie noch immer am Rande des Null-Wachstums dahin. Nun ziehen dort vielleicht die kräftig boomende Börse und der wahre Kursrausch bei kleinen und mittleren Unternehmen auch die Realwirtschaft nach oben. Optimismus ist auch im Fernen Osten ein bewährtes Wachstumshormon.

Aber die weltweit boomenden Börsen senden noch ein anderes Signal. Überall heben die Technologiewerte und die Neuen Märkte besonders kräftig ab. Ihre Gewinne stellen die der "alten Titel" weit in den Schatten. Da gibt es sagenhafte Entwicklungen, Titel, die ihre Kurse und damit ihre Börsenkapitalisierung in wenigen Wochen vervielfachen. Da werden während einer Börsensitzung oft Millionäre oder gar Milliardäre geboren. In Deutschland ist ricardo.de ein Beispiel. Seit November 1999 hat sich der Kurs des Internet-Auktionshauses verzehnfacht. Die Aktionäre von SAP, Mannesmann oder der einst trägen Siemens können sich dagegen nur über eine Verdoppelung der Kurse in diesem Zeitraum freuen. Ist das vor allem Fantasie, die da gehandelt wird? In einzelnen Fällen ja. Aber grundsätzlich können wir an den Schönwetterstellungen des Barometers Aktienbörse heute ablesen: Gute, zuversichtliche Stimmung, hohe und wachsende Attraktivität der Aktien und Aktienfonds als Vermögensanlage, kräftiger Wandel weg von den alten Schornsteinindustrien hin zu den modernen Sektoren der hochtechnologischen Wissens- und Erlebnisgesellschaft.

Wie in der richtigen Wirtschaft steigen auch an den Börsen die Chancen für alle, die einen Wissensvorsprung und viel Unternehmergeist haben - aber auch das Risiko, dass wer zu hoch fliegt, kräftig auf den Bauch fallen kann. Nur anders als Ikarus kann er wieder aufstehen und aufsteigen. Das Aktienbarometer steht langfristig auf "schön".

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