Wirtschaft : „Die deutsche Wirtschaft funktioniert außerordentlich gut“

Der britische Wissenschaftler David Soskice lobt den Standort Deutschland und ermuntert die Deutschen, wieder Mut zu fassen

Andrea Dernbach

Berlin - Krise, deutsche Krankheit, Absturz eines Superstars? In der aktuellen Ausgabe des „Economist“ hat es ein Dementi zur Titelgeschichte gebracht: „Superwettbewerbsfähig“ sei Deutschlands Wirtschaft, schreibt das Zentralorgan der Weltwirtschaftsbeobachtung, und „erstaunlich flexibel“.

Das Wissenschaftszentrum Berlin war etwas vorsichtiger und formulierte das Thema als Frage: „Was fehlt Deutschland eigentlich?“ Doch die Experten auf dem Podium kamen zu einem ganz ähnlichen Schluss wie der „Economist“: Wenn man dem Soziologen Lord Ralf Dahrendorf und dem britischen Ökonomen David Soskice glauben darf, fehlt Deutschland eigentlich nur Optimismus und vielleicht jemand, der die Herausforderungen so formuliert, dass sie nicht Angst machen, sondern womöglich Spaß. Allein Hartz IV – „ich garantierte Ihnen, dass die Blair-Regierung so einen Begriff nicht einen Tag lang geduldet hätte“, sagt Dahrendorf, Mitglied des britischen Oberhauses. Während die Deutschen Riester-Rente und Ein-Euro-Jobs hätten, ersetzten Blairs Leute ein Angstwort wie „Deregulierung“ längst durch „better regulation“. Sie sagten auch nicht „Reform“, sondern versprächen, dies oder jenes „ins 21. Jahrhundert zu bringen“. Für die tiefschwarzen Sätze, mit denen der Bundespräsident im Juli die Auflösung des Bundestags begründete, hatte Dahrendorf sogar eine Übersetzung ins Blair-Sprech parat (siehe Kasten) .

Lachen im Publikum und ein ernstes Fazit des Lords, der beide Länder gut kennt: „Sie werden sagen, das ist alles Public Relations. Es ist mehr als Public Relations.“ Er habe in den 60er Jahren gelernt – damals machte er in der FDP Politik – , dass man für Reformen immer „ein Quantum Optimismus“ brauche. In Deutschland habe aber „Mutlosigkeit um sich gegriffen, ohne dass sie hinreichend begründet ist“.

Ganz im Gegenteil, sagt David Soskice, sein Gesprächspartner auf dem Podium. Der Wirtschaftswissenschaftler aus London ist Fachmann für politökonomische Analysen des industriellen Wandels und gibt der deutschen Wirtschaft die Note eins: „Sie funktioniert außerordentlich gut.“ Und auch die allgemeine Auffassung, dass das deutsche Modell früher vielleicht tüchtig, jetzt aber überholt und dringend reformbedürftig sei, werde „nicht von Tatsachen gestützt“.

Die Tatsachen nach Soskice: Die Produktivität einer deutschen Arbeitsstunde liegt nach zwei OECD-Berechnungen bei 92 und 100,9 Prozent einer US-amerikanischen. Das Vorurteil von der Servicewüste Deutschland hält Soskice ebenfalls für falsch. Rechnet man mit dem, was jemand wirklich arbeitet und nicht, ob er im Dienstleistungssektor beschäftigt ist, dann ist der Anteil von Dienstleistungsberufen so hoch wie in den USA. Und im Export sei Deutschland viel weniger zurückgefallen als die USA und Japan.

Soskice sieht auch die Probleme der Deutschland AG, mangelnde private Nachfrage und den „ deutschen Teufelskreis“: Rezession bedeutet Arbeitslosigkeit, die die Sozialsysteme belastet, was die Regierung wiederum mit Reformen am System aufzufangen sucht. Um dafür Zustimmung zu erhalten, spricht sie von Krise. So macht sie auch jene unsicher, die zwar noch Arbeit haben, aber wohl wissen, dass sie in Deutschland nicht rasch neue finden, wenn sie diese verlieren. So spart auch, wer Geld verdient, statt zu konsumieren. Die private Nachfrage, in den USA und Großbritannien bis 2001 Motor des Wachstums, fehle.

Was hilft? Natürlich Optimismus. Wer konsumiert, muss der Zukunft vertrauen, sagt Soskice. Dahrendorf wünscht sich das auch für die Reformen: „Wer mit dem Rücken zur Wand steht, will sich nur verteidigen.“

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