Wirtschaft : Die Führungskrise setzt die WTO schachmatt

GENF (jdh/HB).Die Welthandelsorganisation (WTO) scheint nur noch Stoff für schlechte Schlagzeilen herzugeben: Mal schlittern die beiden WTO-Großmächte USA und EU in einen bizarren Streit über Bananen, mal kracht es zwischen US- und EU-Diplomaten über Hormonfleisch und nun steckt die Genfer Behörde in ihrer tiefsten Krise seit der Gründung 1995.Die WTO hat seit fast einer Woche keinen Chef mehr.Frustriert hatte der bisherige Generaldirektor, Renato Ruggiero, fristgerecht sein Büro geräumt: "Die WTO braucht jetzt einen Generaldirektor, der sich mit voller Kraft den anstehenden Gesprächen über ein neues multilaterales Handelsabkommen widmet."

Doch die mahnenden Worte des Italieners verhallen folgenlos.Der neuseeländische Kandidat für die Ruggiero-Nachfolge, Mike Moore, und sein thailändischer Rivale Supachai Panitchpakdi stoßen bei ihren Gegnern auf Ablehnung.Seit mehr als acht Monaten feilschen die Unterhändler um den Posten an der WTO-Spitze.Zwei Kandidaten, der Marokkaner Abouyoub und der Kanadier MacLaren, konnten noch relativ problemlos aus dem Rennen gezogen werden.Doch jetzt ist der Wettbewerb auf tiefstes Niveau abgeglitten.Anschuldigungen, Gerüchte und Unterstellungen machen die Runde."Beide Bewerber sind jetzt sturmreif geschossen", analysiert ein Diplomat.Und die WTO ist praktisch handlungsunfähig.

Noch beharrt die WTO auf dem Konsensverfahren, um ihren neuen Chef zu küren.Nach dem vielgepriesenen Prinzip gibt es keine formale Wahl, die Entscheidungen müssen von den 134 Mitgliedern in Übereinstimmung getroffen werden.Das aber hat das derzeitige Chaos heraufbeschworen: Denn solange die meisten asiatisch-pazifischen Staaten mit Japan und Australien an der Spitze an Supachai festhalten, wird es keine Entscheidung geben.Das gleiche gilt für die Anhänger Moores.Das Resultat ist die totale Blockade - auch wenn der WTO-Slogan "no vote, no veto" heißt.Das mit dem Konsensprinzip verfolgte Ziel, Einigkeit zu demonstrieren, ist genau ins Gegenteil umgeschlagen.

Doch inzwischen dämmert es auch ehemaligen Befürwortern des Konsensprinzips: "So kann es nicht weitergehen.Was wir jetzt erleben, ist für die WTO schlimmer als eine Wahl", räumt ein Beobachter ein.Bei einer Abstimmung mit einfacher Mehrheit stünde der Sieger fest: "Hinter Moore stehen 62 Mitgliedsländer, Supachai vereinigt 59 Stimmen auf sich", gab der für den Nominierungsprozeß verantwortliche Botschafter Tansanias, Ali Mchumo, bekannt.Folglich ist Supachai für ihn "kein Kandidat mehr".

Prompt erntete Mchumo Kritik.Er sieht sich jetzt in einer schier aussichtslosen Situation: Seine Autorität bröselt, und egal wen oder was er vorschlägt, es wird von einem der beiden Lager brüsk abgeblockt.Die Anhänger Supachais wittern eine Intrige der USA und stilisieren die Entscheidung zugleich zu einer Glaubensfrage hoch: Endlich müsse ein Mann aus einem Entwicklungsland an die Spitze der WTO.Schließlich seien bisher nur Europäer die Chefs gewesen.Die USA, als Führungsmacht des Nordens, wolle einen gefügigeren Mann als Supachai in Genf, eben Moore.

Tatsächlich gilt der Neuseeländer als Vollblutpolitiker mit ausgeprägtem Verhandlungsgeschick.Das stellte er als Delegierter seines Landes während der großen Liberalisierungsgespräche immer wieder unter Beweis.Der charismatische Selfmademan hat Kabinettserfahrung und pflegt einen lockeren Umgangsstil."Der paßt am besten zu uns", glaubt ein europäischer Diplomat.

Supachai, der unter dem Nobelpreisträger Jan Tinbergen in Ökonomie promovierte, werden die besseren theoretischen Kenntnisse nachgesagt.Dieser Vorteil erweist sich jedoch immer mehr als Nachteil.Hinter vorgehaltener Hand bestätigen Unterhändler, die WTO brauche jemand, der auch mit der Faust auf den Tisch schlagen kann - einen wie den Ex-Gewerkschafter Moore.

Unterdessen erreicht das Drama in Thailand die Konturen einer Staatsaffäre.Premier Chuan Leekpai warnte seine Landsleute eindringlich vor aggressiven Ausfällen gegen die USA.Supachai selbst gießt jedoch Öl ins Feuer: Schlimme Worte seien gefallen, er wolle dagegen kämpfen, drohte er.Neuseelands Kandidat Moore hingegen gab sich bis jetzt verbindlich.

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