Wirtschaft : "Die kalte Schulter des Hauses Siemens"

THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

Proteste ehemaliger Zwangsarbeiter überschatten die Jubiläumsfeiern des KonzernsVON THOMAS MAGENHEIM-HÖRMANN

"Es gab Verletzungen an den Händen, durchbohrte Finger und oft bekamen wir Eisensplitter in die Augen, denn die Maschinen hatten keine Schutzvorrichtungen", berichtet Rita Guidon.Die Frau schildert nicht menschenverachtende Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt.Sie beschreibt den Alltag von Zwangsarbeitern beim Siemens-Konzern zur Zeit des Dritten Reichs.Das Haus Siemens steht am 12.Oktober vor den Feiern zu seinem 150jährigen Bestehen in Berlin und wird dabei von der Vergangenheit eingeholt.Wie die gesamte deutsche Wirtschaft bestreitet Siemens eine Mitschuld am NS-System der Ausbeutung von Zwangsarbeitern und lehnt jede Art von Entschädigung ab.Opferverbände und Betroffene sehen das anders.Parallel zur offiziellen Siemens-Feier am kommenden Sonntag laden sie zu Protest und Gedenken.Ab 13 Uhr rufen im Kulturzentrum Weiße Rose am Schöneberger Wartburgplatz ehemalige Siemens-Zwangsarbeiter, Historiker und Politiker zum Protest auf.Wenn dann am Abend die Feierlichkeiten zum Siemens-Jubiläum beginnen, gedenken ab 19.30 Uhr im Rathaus Schöneberg andere der Opfer der "Vernichtung durch Arbeit".So hat es die Vorbereitungsgruppe "150 minus 12" geplant. Hinter dem Trägerkreis stehen unter anderem das Aktionsbündnis 150 Jahre Siemens "Entschädigung jetzt", das deutsche Auschwitz-Komitee, mehrere Lagergemeinschaften oder auch der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.Zusammen mit Konzernen wie IG Farben oder Mercedes-Benz habe Siemens im Hitler-Deutschland eine Vorreiterrolle im Zwangsarbeitsprogramm gespielt, sagt etwa Tjark Kunstreich vom Aktionsbündnis Entschädigung jetzt.Siemens seien die Häftlinge nicht von der SS aufgezwungen worden.Der Konzern habe sie vielmehr angefordert. Die genaue Zahl von Zwangsarbeitern im Dritten Reich ist unbekannt.Für den Sommer 1944 schätzen Historiker ihre Zahl auf etwa acht Millionen.In der Spitze habe etwa ein Drittel der damals 250 000 Personen starken Siemens-Belegschaft aus Zwangsarbeitern bestanden, rechnet Kunstreich vor.Die Bundesrepublik und ihre Wirtschaft behandle Überlebende aber wie "lästige Bittsteller".Kunstreich und seine Mitstreiter verlangen eine Rente für alle Verfolgten des Nazi-Regimes."Die deutsche Industrie hat ein Schuldbekenntnis und einen Entschädigungsanspruch immer abgelehnt", entgegnet Siemens-Sprecher Enzio von Kühlmann-Stumm.Kein Gericht habe einen solchen Anspruch gegenüber Firmen bejaht.In den 60er Jahren habe Siemens zwar der Jewish Claims Conference "aus humanitären Gründen" 7 Mill.DM überwiesen und nicht-jüdische Opfer in Einzelfällen finanziell unterstützt.Ein Schuldeingeständnis oder eine Rechtspflicht sei damit aber ausdrücklich nicht verbunden.Der Krieg habe auch Siemens vernichtet, rechtfertigt Kühlmann-Stumm die Haltung des Konzerns.Die NS-Zeit sei ein Problem der gesamten Gesellschaft und damit des NS-Rechtsnachfolgers Bundesrepublik Deutschland. Für die Gruppe "150 minus 12" verweigert Siemens damit eine verantwortliche Auseinandersetzung mit seiner Firmenpolitik im Dritten Reich - die durchaus aktiv gewesen sei: So sei 1942 beim Frauenkonzentrationslager Ravensbrück ein eigenes Siemens-Werk gegründet worden.Der Konzern habe dort bis 12.April 1945 arbeiten lassen.Carl Friedrich von Siemens saß seit 1933 im Generalrat der Deutschen Wirtschaft.Der Konzern hat nun bei der Universität Erlangen eine Studie in Auftrag gegeben.Das allein besänftigt die Protestierenden nicht."Man spekuliert auf die biologische Lösung", mutmaßt etwa die Sprecherin der Lagergemeinschaft Ravensbrück, Bärbel Reimann.Die Berliner Aktion Sühnezeichen spricht von einer "kalten Schulter des Hauses Siemens".Am 12.Oktober könnte Konzernchef Heinrich von Pierer auch zum dunklen Teil der Siemens-Geschichte Stellung nehmen.

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