Wirtschaft : Die Knieprobe

Ein ehemaliger Möbelverkäufer gibt Tipps zum Couchkauf

Deike Diening

Heinz G. Günther wohnt in Billigheim-Ingenheim. Irgendwie erhöht das seine Glaubwürdigkeit noch einmal zusätzlich. Denn Günther ist von Beruf Möbelexperte und Verbraucherberater, und hat ein Buch geschrieben: „Clever Möbel kaufen“. Es wird mittlerweile in der vierten Auflage verkauft. Zudem hatte Günther 35 Jahre lang als Möbelverkäufer gearbeitet. Irgendwann bekam er dort hinter seinem Tresen ein schlechtes Gewissen. Denn was Verkäufer so alles „vergeheimnissen“, ihr „Herrschaftswissen“ zum Schaden der Kunden, das kennt Günther ganz genau. Mehr als 90 Prozent aller Kunden, so seine Erkenntnis, bezahlen zu viel für ihre Möbel.

Auch für den Sofakauf hat er einige Tipps parat. Wenn man so will, kann man den Knie-, den Finger-, den Ohr-, den Sicht- und den Fühl-Test unterscheiden: Bei der Knieprobe senkt man sein Knie in die Sitzfläche. Wippt es, handelt es sich um eine Federkernfederung, das ist schon mal gut. Bleibt das Material unten, handelt es sich um Schaum. Das muss nicht von vornherein schlechter sein, denn es gibt auch hochwertige Schäume: je höher das „Rückstellvermögen“ des Schaums, desto besser ist er. Den testet man mit dem Finger: den abgewinkelten Zeige- und Mittelfinger in das Material hineindrücken und wieder herausziehen. Je schneller die Oberfläche wieder ihre ursprüngliche Form annimmt, desto hochwertiger ist der Schaum.

Hören kann man, was es mit der meist stoffbespannten Seiten- und Rückenverkleidung auf sich hat, sagt Günther: Wer mit der Faust an die Verkleidungen klopft, dem verkündet der Klang die Wahrheit. Ist er hell, handelt es sich um Span. Bei dumpfen Tönen könne man auf Hartholz hoffen.

Nun das Möbelstück umdrehen. Wie ist der Spannstoff angetackert? Bei guter Verarbeitung sind die Metallkrampen nicht kreuz und quer, sondern ordentlich angeordnet und nicht zu dicht am Saum. Sind sie unter einer Borte verborgen, nicht genieren, ruhig nachzufühlen. Verkäufer gucken öfter komisch. Schließlich noch die Nahtprobe: Die Daumen rechts und links einer Naht anlegen und diese auseinander ziehen. Am besten ist, wenn nichts passiert. Am zweitbesten ist, wenn man zwar den Stichverlauf sieht, dieser aber schön eng ist.

Niemals würde sich der Möbelexperte Günther allein auf einen Markennamen verlassen, sondern die obigen Tests immer durchführen. Die Produzenten teurer Marken, sagt er, haben zwar einen Ruf zu verlieren, sind aber auch keine Altruisten. Zusätzlich empfiehlt er, sich die Angaben des Herstellers anzusehen, der oftmals seine eigenen Tests durchgeführt hat: Dauerbelastungstests mit Gewichten und Druckmaschinen etwa. Oder 20000 bis 30000 „Scheuertouren“, die den Abrieb des Stoffs testen. Oder es wird die „Pilling-Neigung“ eines Stoffes beobachtet, also seine Tendenz, bei Belastung kleine Materialknötchen auszubilden. Auch wenn alle Tests positiv ausfallen, sollte man den Verkäufer immer noch zum Rabatt ermutigen.

Und Günther selbst? Der hat sich, als er jung war, für Empire-Stil, für Chippendale-Möbel krumm gelegt. Und lange an den Raten geknabbert. Die Möbel hat er heute noch.

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