Wirtschaft : Die kommerziellen Giftstoffjäger

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Ein Großteil der Deutschen kennt das Siegel der Zeitschrift „Öko-Test“ mit dem roten Ahornblatt. „Richtig gut leben“ ist der Slogan des Unternehmens. Denn jeder Test zeige, dass es zu gefährlichen Produkten immer auch ungefährliche Alternativen gibt, behaupten die Öko-Tester. Seit mehr als 25 Jahren lassen sie Inhaltsstoffe von Produkten untersuchen und ihren Schadstoffgehalt überprüfen. Ob Allzweckreiniger, Lederhandschuhe oder Federbetten, das Spektrum der untersuchten Produkte ist breit. Nach eigenen Angaben waren es bisher mehr als 100 000 Produkte.

Das klingt gut, aber ganz unumstritten ist der Verlag aus Frankfurt am Main nicht. Denn anders als die Publikationen der Stiftung Warentest finanziert sich „Öko-Test“ auch durch Werbung in der Zeitschrift; Kritiker führen an, dass öfter auch Unternehmen werben, die zuvor gut bewertet worden sind. Während die Stiftung Warentest staatlich gefördert ist, finanziert sich „Öko-Test“ wie andere Magazine über die Verkäufe am Kiosk und im Abonnement sowie über die Anzeigen im Heft. Die eigene Unabhängigkeit sei dadurch aber nicht gefährdet, sagt Chefredakteur Jürgen Stellpflug. „Wenn wir einen Hersteller schlechter bewerten würden, weil er keine Anzeige bei uns schaltet, würde der uns sofort vor Gericht zerren“, sagt er. Außerdem gebe es in fast allen Zeitungen und Zeitschriften Werbung, ohne dass deren Unabhängigkeit deshalb infrage gestellt würde.

Ein weiterer Kritikpunkt: „Öko-Test“ konzentriere sich zu sehr auf die Untersuchung von Schadstoffen. So bekam eine Zuckerbombe wie Nutella im Test ein „gut“ verpasst, ohne dass Kriterien wie der Nährwert einbezogen wurden. „Das hat sich aber geändert“, sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Sie verweist auf einen jüngeren Test zu Eistees, in dem „Öko-Test“ auch den Zucker- und den Fruchtsaftgehalt bewertete. „Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung“, sagt sie. Ob „Öko-Test“ oder Stiftung Warentest, Schwartau ist froh um jeden Lebensmitteltest, der durchgeführt wird. „Davon gibt es in Deutschland viel zu wenige“, findet sie.

Wie die Stiftung Warentest handelt sich „Öko-Test“ immer wieder Ärger mit Unternehmen ein, die ihre Produkte falsch bewertet sehen. So setzte der französische Spielwarenhersteller Vulli, Produzent des Kleinkindspielzeugs „Sophie la Girafe“ eine einstweilige Verfügung gegen „Öko-Test“ durch, weil das Magazin geschrieben hatte, in der Giraffe aus Kautschuk seien krebserregende Stoffe enthalten. Sophie sei „nicht verkehrsfähig“, hieß es. Inzwischen hob das Landgericht die Verfügung wieder auf.

Allerdings will Chefredakteur Stellpflug künftig nicht nur oberster Giftstoffjäger sein. Er sieht sein Blatt immer mehr in Konkurrenz zur Stiftung Warentest. „Unsere Konzepte gleichen sich zunehmend einander an. Wenn wir ein Waschmittel bewerten, reicht es nicht mehr aus, es auf seine Pestizidbelastung zu testen – die Menschen wollen auch wissen, wie gut es wäscht.“Inga Höltmann

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