Wirtschaft : Die Kraft der Jungen

Von Alfons Frese

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Es gib tatsächlich etwas Neues im Osten. Sogar etwas Positives. Und dann auch noch aus Berlin, der Arbeitslosenhauptstadt mit den allerschwächsten Wachstumsraten. Aus Berlin kommt eine auf den ersten Blick banale Botschaft: Wir bekommen nur miteinander Zugkraft ans Seil. Das betrifft das Verhältnis von Politik und Wirtschaft, aber auch das der Länder Berlin und Brandenburg. Der Senat und die Wirtschaftsverbände haben in diesen Tagen gemeinsam eine Wachstumsinitiative für die nächsten zehn Jahre gestartet. Der Senat und die Wirtschaft legen ihre Kräfte im Standortmarketing zusammen – damit Berlin wie aus einem Guss vermarktet wird und zunehmend gemeinsam mit Brandenburg seine Stärken entfaltet.

Das alles hat man schon mal gehört. Neu ist der frische Geist, der jetzt hinter den Ankündigungen steht, und der forsche Mut, das als richtig Erkannte auch durchzusetzen. In einer für Berliner Verhältnisse sensationell kurzen Zeit wird die Wirtschaftsförderung der Hauptstadt umgekrempelt, wird aus drei Gesellschaften eine. Das ist richtig, wenn der Steuerzahler dadurch auch nur einen Cent spart – und weil die Effizienz des ganzen Standortmarketings verbessert wird. Denn im Wettbewerb der diversen Förder und Marketingeinrichtungen beharrt jeder auf seiner Eigenständigkeit und bemüht sich um Abgrenzung gegenüber dem Nachbarn. Der Verkauf und der Vertrieb, Werbung und Marketing passen aber sehr gut unter ein Dach. Warum sollte sich Berlin für jeden einzelnen dieser Bereiche eine eigene Gesellschaft leisten? Etwa, weil für Politiker oder Funktionäre eine Beschäftigung gebraucht wird? Diese ziemlich teure ABM zur Pflege von Eitelkeiten kann sich eine reiche Stadt leisten. Aber Berlin ist arm, schwach und stimmungsmäßig am Boden.

Ausgerechnet in dieser Situation bekommen wir auch noch einen Sozialisten als Wirtschaftssenator, haben nicht wenige der Berliner Wirtschaftsgrößen gedacht. Wer konnte schon ahnen, dass der etwas dröge wirkende Harald Wolf, PDS, in enger Abstimmung mit den Vertretern der Wirtschaft mehr auf die Beine stellen würde als seine lautstarken Vorgänger aus der CDU? Die jüngsten Weichenstellungen in der Berliner Wirtschaftspolitik wären auch für den besten Senator ohne Partner in der Wirtschaft nicht möglich gewesen. Die beiden Chefs der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkspräsident und der oberste Wirtschaftsförderer sind alle um die vierzig und im (West-)Berliner Beziehungsgestrüpp nicht so verfangen wie ihre Vorgänger. Sie wollen mit Wolf zusammen eine Politik für die Stadt und das Land machen und torpedieren nicht aus ideologischen Gründen einen Mann, dessen Partei sie zwar nie wählen würden, aber mit dem sie doch eine Interessengemeinschaft bilden: um die Stadt aus der Krise zu ziehen.

Nach den viel zu vielen Jahren unter dem Verwalter Eberhard Diepgen gibt es unter dem Bonvivant Klaus Wowereit weniger Verkrampfung in der Politik. Die ganz und gar nicht ideologisch daherkommende Viererbande an der Spitze der Wirtschaft passt dazu. Sie kann der Politik Beine machen. Jedenfalls sind die Jungen dabei, ein Stück Zukunft aufzugreifen, das den Alten aus den Händen geglitten war. Zwar will derzeit niemand mehr von der Fusion der Länder Berlin und Brandenburg reden. Doch nach der brandenburgischen Landtagswahl kommt das Thema im Herbst wieder auf den Tisch. Auch deshalb, weil Ostdeutschland eine Kraft ausstrahlende Wirtschaftsregion braucht. Das kann – trotz aller Erfolge der Sachsen - nur Berlin-Brandenburg sein.

Vielleicht geht es ja vorwärts über den Umweg Wirtschaftsförderung: Die entsprechenden Einrichtungen in Berlin und Brandenburg fusionieren und verkaufen künftig die Region als Ganzes aus einer Hand. Das wäre eine tolle Sache. Und schafft im Idealfall einen Trend zum gemeinsamen Land, das dann wiederum Vorbild für die Neuordnung der föderalen Struktur der Bundesrepublik werden kann. Aber wir wollen ja nicht gleich – berlintypisch – überschnappen.

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