Wirtschaft : Die letzten Rettungsversuche

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Verkehrsminister Klimmt appelliert an die Industrie und die Stadt Perleberg setzt ersten Spatenstichchi

Einen Tag vor dem vereinbarten Spitzengespräch über die Zukunft des Transrapids hat sich Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD) noch einmal für die Magnetschwebebahn stark gemacht. Falls bei dem Treffen mit den Spitzenvertretern von Bahn und Industrie festgestellt werde, dass die Trasse Hamburg-Berlin nicht wirtschaftlich zu betreiben sei, müsse nach anderen Verbindungen gesucht werden, sagte der Minister am Freitag in einem Interview mit dem Saarländischen Rundfunk. Unterstützung erhielt Klimmt von Verkehrspolitikern der CDU sowie den Regierungen in Brandenburg und Berlin: "Wir setzen auf den Transrapid", betonte Berlins Senatssprecher Michael-Andreas Butz auf Anfrage. Für den Verkehrstechnikstandort Berlin sei das Projekt wichtig. Ein finanzielles Engagement ließ er allerdings offen. Nun müßten erst die Projektbeteiligten ihre Position klären.

Industrie skeptisch

An eine Realisierung der Verbindung Berlin-Hamburg glaubt in Kreisen der Beteiligten unterdessen kaum mehr jemand. "Das die Entscheidung doch noch für Berlin-Hamburg fällt, wäre ein mittleres Wunder", sagte ein Sprecher von Thyssen Industrie. Im brandenburgischen Perleberg, wo das Instandhaltungswerk für die Magnetbahn gebaut werden soll, versammelten sich Bürger zu einer Protestveranstaltung und setzten eine symbolischen ersten Spatenstich für den Trassenbau.

Klimmt bekräftigte in dem Interview seine Entschlossenheit, einen Ausweg zu finden. Der Transrapid sei eine "faszinierende Technologie", sagte er. Als mögliche Alternativen nannte er den Bau der Flughafenverbindungen in Berlin oder in München sowie zwischen den Ballungszentren in Nordrhein-Westfalen. Klimmt nahm zugleich die Hersteller in die Pflicht: Wenn die Industrie so von dem Projekt überzeugt sei, "dann sollte sie dies auch dokumentieren, indem sie von sich aus bereit ist, mehr zu bringen."

Das ist nicht zu erwarten. Thyssen, dem innerhalb des Herstellerkonsortiums die stärksten Ambitionen zugerechnet werden, lehnt ein größeres Engagement ab. "Für andere Strecken, für die wieder eine Planungsphase von sechs bis zehn Jahren nötig wäre, stehen wir als Finanzierungspartner nicht zur Verfügung", sagte Thyssen-Sprecher Alfred Wewers dem Tagesspiegel. Das Unternehmen werde dann nur noch als Systemlieferant auftreten. In die Vorbereitungen für die Strecke Berlin-Hamburg habe das Unternehmen jährlich 20 Millionen Mark gesteckt, möglicherweise ergebnislos. Diese Erfahrung wolle man nicht wiederholen. Zu möglichen Schadenersatzforderungen äußerte sich Wewers aber vorsichtig. Sollten bei dem Treffen am Sonnabend die Planungen für Berlin-Hamburg beendet werden, "werden wir die Frage von Regressforderungen prüfen".

In Branchenkreisen wird nicht ausgeschlossen, dass bei dem Treffen am Sonnabend beschlossen wird, die Teststrecke im Emsland aufrecht zu erhalten, um Zeit für die Prüfung anderer Strecken zu gewinnen. Eine Absage an das Projekt Berlin-Hamburg müsse nicht das Ende der Magnetschwebebahn bedeuten, sagte der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates beim Bundesverkehrsminister, der Karlsruher Professor Werner Rothengatter. Das Projekt sei in seiner gegenwärtigen Form zu teuer und daher auch keine Werbung für den Export. Die Industrie müsse noch "Hausaufgaben" machen, dann ließen sich auch andere Strecken kommerziell realisieren.

Protest in Perleberg

In Perleberg, wo das Instandhaltungszentrum für den Transrapid entstehen sollte, gab es am Freitag noch einen tapferen ersten Spatenstich für den Trassenbau. "Wir könnten morgen beginnen, der Planfeststellungsbeschluss für den ersten Abschnitt liegt vor", sagte Hans Rothbauer, Ordnungsamtleiter der Stadt, dem Tagesspiegel. Die Absage für Berlin-Hamburg wäre für Perleberg "eine Katastrophe". Für das neu ausgewiesene Gewerbegebiet hätten bereits die ersten Firmen Verträge unterschrieben, mit einem großen Stahlhersteller liefen Verhandlungen über den Bau eines Stahlverarbeitungswerkes mit bis zu 500 Arbeitsplätzen, aus Bayern hätten Forschungsinstitute Interesse an einer Ansiedlung angemeldet. Noch stünden auch die Banken zu Betrieben in der Region. "Fällt der Transrapid aus, bricht das alles weg", sagte Rothbauer. Alternativen gebe es nicht, "Perleberg hätte keine Chance mehr".

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