Wirtschaft : Die Lügenreserve

Manager von Royal Dutch/Shell haben die Ölvorkommen des Konzerns zu hoch angesetzt – jetzt mussten sie gehen

Chip Cummins,Alexei Barrionuevo

Von Chip Cummins

und Alexei Barrionuevo

Seit Anfang 2002 stritten sich die beiden Topmanager des Ölmultis Royal Dutch/Shell, wie man mit einem brisanten Geheimnis umgehen soll: Der britisch-niederländische Konzern schien sich bei seinen Reserven für Öl- und Erdgasvorkommen gehörig überschätzt zu haben.

Walter van de Vijver, der erst kurz zuvor zum Chef des Bereichs Förderung und Produktion aufgestiegen war, wollte den damaligen Shell-Boss Sir Philip Watts von einer Korrektur der Bestände überzeugen. Doch der Chairman winkte ab, wie sich aus einem in der vergangenen Woche von dem Unternehmen veröffentlichten Untersuchungsbericht ergibt. Der Bericht zeigt auch, dass die beiden inzwischen zurückgetretenen Manager trotz des zwischen ihnen kochenden Streits nichts unternahmen, um die Situation zu bereinigen.

„Ich bin es leid, über die Höhe unserer Reserven Lügen zu verbreiten und darüber, dass es wegen der viel zu aggressiven/optimistischen Einschätzungen Korrekturen geben muss“, schrieb van de Vijver am 9. November 2003 letztlich in einer E-Mail an den Shell-Chef. Zwei Monate später gab Shell den Investoren nach einer internen Revision bekannt, dass man die Öl- und Gasreserven dramatisch überschätzt hatte und um 20 Prozent kürzen müsse. Die Aktien der beiden Mutterunternehmen brachen daraufhin ein. Weil diese Kennzahlen auch ein wichtiger Indikator für Investoren sind, müssen sie wahrheitsgetreu in den Geschäftsberichten eines Unternehmens angegeben werden. Folglich haben die Enthüllungen auch die US-Staatsanwaltschaft sowie die US-Börsenaufsicht (SEC) auf den Plan gerufen. Die E-Mail ist Teil des 463 Seiten umfassenden internen Berichts über das Buchungsdebakel, das den europäischen Anlegern Angst und Schecken eingejagt hat. Zuvor galt Shell als eines der bestgeführten und konservativsten Großunternehmen.

Zweifel an der ganzen Branche

Inzwischen erschüttern die Zweifel die gesamte Branche, die jährlich 1,6 Billionen Euro umsetzt. Es fragt sich, ob auch andere Ölkonzerne bei ihrem kostbarsten Vermögensposten übertrieben haben könnten. Vorerst zog die Ratingagentur Standard & Poor’s nur im Fall von Shell die Konsequenzen und stufte die Bewertung des Konzerns ab. Grund hierfür sei die Korrektur der Reserven und die in dem vorgelegten Bericht zu Tage getretene „anhaltende Schwäche bei der Unternehmensführung , verbunden mit beachtlichen Abweichungen von den Berichtsstandards der Börsenaufsicht“.

Die jetzt enthüllte Korrespondenz zwischen Watts und van de Vijver wird die finanziellen und juristischen Sorgen des Shell-Konzerns wohl noch verschlimmern. Denn sie beweist, dass die Spitze des drittgrößten börsennotierten Ölkonzerns über Jahre gewusst hatte, dass es mit der Buchung der Reserven Probleme gab. Und dass diese Schwierigkeiten den Aufsichtsbehörden, der Öffentlichkeit und selbst den eigenen Führungsgremien verschwiegen wurden. Wie der Bericht offenbart, war zwischen den beiden Topmanagern ein Tauziehen um Wahrheit und Informationen entbrannt. Die persönlichen Diskrepanzen der beiden unnachgiebigen Akteure erklären auch, warum Shell so lange brauchte, um die Angelegenheit ins Reine zu bringen, und damit die Chance verspielte, die Lügenlawine frühzeitig zu stoppen und die Glaubwürdigkeit zu retten.

In dem von der US-Anwaltsfirma Davis Polk & Wardwell für die Behörden zusammengestellten Berichtsmaterial erschien van de Vijver als energischer Manager, der die Investoren zwar informieren wollte, sich aber nur gegenüber seinem Chef Watts offenbarte. Letztlich beugte er sich dem Druck von oben und behielt das brisante Geheimnis für sich. Die Fehlbuchungen stammen größtenteils aus der Amtszeit von Watts als Chef für Förderung und Produktion zwischen 1997 und 2001. Damals fiel es Shell zunehmend schwerer, bei den Kennzahlen mit den Konkurrenten Exxon Mobil und BP mitzuhalten. Alle drei Ölkonzerne standen vor Problemen, die schwindenden Vorkommen in Alaska und der Nordsee durch neue Erschließungen auszugleichen. Shell kam dabei am wenigsten voran, was den Druck auf das Management enorm ansteigen ließ.

Van de Vijver ließ Watts wiederholt wissen, dass die unter ihm erfolgte Verbuchung von Ersatzvorkommen „aggressiv“ und „voreilig“ gewesen sei und gegen die internen Vorschriften des Unternehmens verstoße. Er machte auch deutlich, dass die Informationen der Shell-Führung immer erdrückender würden, während die Öffentlichkeit immer weniger erfahren würde. Trotzdem, so konstatiert der Bericht, hatte er zu viele Möglichkeiten verpasst, andere Shell-Verantwortliche von der Misere in Kenntnis zu setzen. Der Bericht konnte damit die beiden Manager als die Hauptverantwortlichen der Krise benennen. „Ihnen ist klar gewesen, dass es zwischen dem Wissen einiger Manager und den Informationen, die an die Öffentlichkeit gelangten, ein tiefes Gefälle gibt“, heißt es in der Zusammenfassung.

Van de Vijver verteidigt seine Rolle und nimmt für sich in Anspruch, die Revision in Gang gesetzt zu haben. Selbst als er das Vorstandskomitee (CMD) am 2. September 2003 vor dem drohenden Zusammenbruch des Lügengebäudes warnte, wiegelte Watts ab und bestand darauf, die falschen Zahlen in den neuen Finanzplan aufzunehmen. „Jedes Mal, wenn Walter Bedenken äußerte, warf Watts den Mantel des Schweigens darüber“, sagt ein mit der Angelegenheit vertrauter Shell-Mitarbeiter. Doch auch van de Vijver machte keine gute Figur. Als die Zwischenergebnisse der internen Bestands-Revision auf seinen Tisch gelangten, hieß es darin, dass die Schätzungen wissentlich falsch erfolgten und damit den SEC-Standards widersprachen. Der Manager schrieb darauf an den Mitautor der Zusammenstellung, dass diese „absoluter Sprengstoff“ sei und vernichtet werden solle.

Am vergangenen Montag kürzte das Unternehmen die Schätzungen abermals, so dass die Korrektur nunmehr 22 Prozent beträgt. Gleichzeitig degradierte man die Finanzchefin Judy Boynton zu einer persönlichen Beraterin des Vorstands.

Shell wird seinen Geschäftsbericht für 2002 überarbeiten und auch die Ergebnisse für 2003 neu berechnen. Im Februar wurde der Nettogewinn noch mit 12,7 Milliarden Dollar angegeben. Dem im letzen Monat neu ernannten Vorstandschef Jeroen van der Veer sprach der Vorstand nach Veröffentlichung des Berichts am Montag das Vertrauen aus. Er habe nicht die Absicht, infolge des Skandals seinen Posten zu räumen, gab van der Veer in einem Interview bekannt: „Der Ernst und das Ausmaß des Problems waren mir zu keiner Zeit bewusst.“

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