Wirtschaft : Die Misere der Krankenkassen: Wettbewerb ist eine prima Sache

Carsten Brönstrup

Wettbewerb ist eine prima Sache. Er beschert uns lauter Dinge, die früher unvorstellbar waren: über dreißig Fernsehprogramme, Telefongespräche für wenige Pfennige, Pakete für ein paar Mark und Strom aus Windmühlen. Kurz: mehr und bessere Produkte für weniger Geld - und alles nur, weil ein paar Unternehmen sich gegenseitig auszustechen versuchen.

Allein: Wettbewerb hat nicht nur Freunde. Die großen Krankenkassen zum Beispiel finden ihn ungerecht, weil er ihnen zum Nachteil gereicht. Denn während die kleinen Betriebskrankenkassen mit günstigen Beitragssätzen junge, gesunde, zahlungskräftige Mitglieder - die "guten Risiken" - in Scharen anlocken, bleiben AOKs, Ersatz- und Innungskrankenkassen auf den älteren, kranken und weniger betuchten Menschen - den "schlechten Risiken" - sitzen.

Deshalb stehen viele dieser Häuser am Rand des Ruins und müssen bald die Versichertenbeiträge erhöhen. Daher pochen sie nun auf höhere Ausgleichszahlungen von den BKKs im Rahmen des so genannten Risikostrukturausgleichs: Für Wechsler sollen diese fünf Jahre lang etwa 600 Mark jährlich an die alte Kasse zahlen, und wer chronisch Kranke in seine Kasse aufnimmt, soll dafür zusätzlich Geld erhalten, fordern sie. Diese Forderung mag willkürlich sein und auch Fallstricke bergen - der Finanzausgleich würde weiter aufgebläht und verkompliziert. Im derzeitigen Marktumfeld ist ihr Ansinnen jedoch berechtigt.

Hat deshalb der Wettbewerb versagt? Ist es im sensiblen Gesundheitsbereich nicht möglich, Wettbewerb zu etablieren? Bleiben die schlechten Risiken zwangsläufig auf der Strecke, wenn die raue Marktwirtschaft in die Sozialversicherung einzieht? Nein. Der Aufschrei der Kassen zeigt nur eines: Wettbewerb unter unzureichenden Rahmenbedingungen kann nicht die gewünschten Ergebnisse bringen. Und für die Schaffung marktgerechter Rahmenbedingungen ist nun einmal der Staat zuständig.

Erstens ist es richtig, einen Anreiz für die Aufnahme schlechter Risiken zu bieten, statt Wettbewerb allein auf das "Rosinenpicken", also die Auswahl einträglicher Mitglieder, zu beschränken. Sie in einer staatlich alimentierten Kasse für Kranke und Arme abzustellen, kann keine soziale Lösung sein. Zweitens ist nicht zu viel, sondern zu wenig Wettbewerb schuld an der Misere der Kassen. Gäbe es nicht allein eine Konkurrenz über den Preis, sondern auch über die Qualität und den Umfang des Produktes Gesundheit, würde mehr Vielfalt ermöglicht. Intensiverer Wettbewerb würde den Versicherten endlich eine Entscheidung darüber einräumen, wie viel ihnen ihre Gesundheit wert ist, ob sie lieber auf Touristenklasse-, Business-Class- oder First-Class-Niveau versorgt werden wollen. Sicher, der Solidargedanke in der Sozialversicherung wäre am Ende. Das ist er durch die Flucht zu den Betriebskrankenkassen und in die private Krankenversicherung indes schon heute.

Nicht zuletzt würde mehr Wettbewerb auch beim Angebot die verkrusteten Anbieterstrukturen im Gesundheitswesen aufbrechen: Die Kassen könnten sich die besten Ärzte und Hospitäler heraussuchen und unter Vertrag nehmen. Das aber würde, drittens, bedeuten, dass auch endlich Pleiten im Medizinsektor möglich sein müssten. Es gehört nun einmal zum Wesen des Wettbewerbs, dass schlechte oder überflüssige Anbieter aus dem Markt scheiden. Denn auch das hätte sein Gutes: Weder gäbe es noch behördengleiche, ineffiziente Kassenapparate, noch müssten die Ärzte für mehr Geld streiken und demonstrieren.

All diese Reformen erfordern Mut und Beharrlichkeit von der Politik. Doch am Ende wüsste der Konsument: Auch im Gesundheitswesen ist Wettbewerb eine prima Sache.

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