Wirtschaft : Die Pleiten belasten die Bank-Bilanzen

Rolf Obertreis

Holzmann, Fairchild Dornier, Herlitz, Mühl. Und demnächst möglicherweise Kirch. Die Insolvenz-Welle reißt nicht ab. Wahrscheinlich kommt sie sogar erst richtig in Gang, weil die Auswirkungen der Konjunkturflaute erst in den nächsten Monaten durchschlagen. Damit droht auch den Banken neues Ungemach: Sie müssen ihre Beteiligungen und ihre Kredite erheblich oder sogar ganz abschreiben. Die Großbanken werden ihre anspruchsvollen Renditeziele mithin auch dieses Jahr nicht erreichen. Allenfalls könnten sie ihre Verluste drücken, heißt es bei Analysten. Auch nach Ansicht von Bundesbank-Präsident Welteke stehen Banken und Sparkassen vor "einer schwierigen Situation".

Sicher ist, dass allein im Kreditgeschäft Milliarden-Beträge auf dem Spiel stehen. Die Kirch-Gruppe ist mit sieben Milliarden Euro verschuldet, Holzmann hat Außenstände von 1,5 Milliarden Euro und auch bei Fairchild Dornier dürfte es sich um eine ansehnliche Summe handeln. Zwar ist ein Teil der Kredite besichert, aber nach Einschätzung von Experten tragen etliche Institute erhebliche Risiken. Daneben sind die Banken auch an etlichen der klammen Unternehmen beteiligt. Die Deutsche Bank etwa hält knapp 20 Prozent der Holzmann-Aktien. Die kann sie mittlerweile weitgehend abschreiben. Es sei denn, der Insolvenz-Verwalter kann Holzmann oder Teile des Unternehmens noch zu einem ansehnlichen Preis losschlagen.

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Analysten bewerten die Risiken für die Groß-Banken unterschiedlich. Die Rückstellungen für wackelige Kredite würden höher ausfallen als im vergangenen Jahr, sagen die einen. Dies sei auch deshalb zwingend, weil die Pleitewelle noch nicht ihren Höhepunkt erreicht habe. 2001 gab es rund 32 000 Insolvenzen, 17 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. In diesem Jahr rechnet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform mit einem weiteren Anstieg auf 40 000 Pleiten. Auch deshalb, weil die Probleme bei vielen Unternehmen erst am Ende einer Konjunkturflaute sichtbar werden. Dies gilt vor allem für viele mittelständische Unternehmen, die auch zu den Kunden der Großbanken, vor allem aber der Sparkassen gehören. Andere Analysten wie etwa Dieter Hein von Credit Lyonnais sehen die Lage nicht ganz so dramatisch: "Die Insolvenzen wie etwa Holzmann oder Herlitz kommen nicht überraschend. Das waren alles Wackelkandidaten." Insofern sollten die Banken die Kredite besichert oder Rückstellungen gebildet haben. Aber dies muss nicht so sein. Hein rechnet jedenfalls in diesem Jahr mit einer erneut höheren Risikovorsorge (vgl. Lexikon) bei den Banken, die auf das Ergebnis durchschlägt.

Bereits 2001 mussten die Institute ihre Vorsorge für wackelige Kredite deutlich erhöhen. Bei der Deutschen Bank kletterte sie von 478 Millionen Euro auf 1,024 Milliarden Euro, bei der Commerzbank von 685 Millionen auf 935 Millionen Euro und bei der Dresdner Bank von 1,59 Milliarden auf 1,89 Milliarden Euro. Die Hypo-Vereinsbank musste die Vorsorge von 1,76 Milliarden auf 2,07 Milliarden Euro aufstocken. Vor allem diese Bank ist viel stärker als die anderen Institute vom Zins- und damit vom Kreditgeschäft abhängig.

Die Banker selbst räumen die schwierige Situation im Kreditgeschäft ein. Bei der Risikosituation gebe es keine Erholung, sagt Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer. "Viele Engagements müssen weiterhin mit Sorgfalt und großer Aufmerksamkeit gemanagt werden." Die Situation für die Geldhäuser ist auch deshalb nicht leicht, weil von den Börsen und den Finanzmärkten kaum Entlastung kommt. Das Aktien- und Emissionsgeschäft lahmt weiter und dämpft wie schon im letzten Jahr die Provisionseinnahmen der Institute. Bundesbank-Präsident Ernst Welteke verweist zudem auf bestehende Überkapazitäten, den scharfen Wettbewerb, sinkende Zinsspannen oder auch die schwelende Krise in Argentinien. "Wenn da noch etwas Gravierendes hinzu kommt, könnte 2002 ein kritisches Jahr werden."

Umso wichtiger ist für die Banken, dass die bereits im vergangenen Jahr eingeleiteten Kostensenkungsmaßnahmen greifen. Nur aus dieser Richtung sieht Analyst Hein eine Chance, dass die Banken das Ergebnis im laufenden Jahr wieder verbessern können. Und bei einigen Häusern die Zahlen nicht mehr so rot aussehen wie 2001.

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